Kommentar

Geschichte in Großbuchstaben

Stefan M. Dettlinger

Das Problem ist, dass Geschichte so vergesslich ist“, sagt Thilo, Tores und mein Freund. Wir sitzen einigermaßen gepflegt beim Mauerfallabendessen in Henriettes einigermaßen nachhaltigem Apartment, von dem keiner weiß, wie sie es einigermaßen bezahlen kann. „Hast du etwa Sloterdijk gelesen?“, fragt Tore. „Nee“, so Henriette, „deswegen haben wir euch ja zu Rote-Beete-Brätling eingeladen, Thilo meint, die dickste Mauer ist die im Kopf, und die steht felsenfest.“

Neu ist diese Ansicht ja nicht, denke ich und sage: „Ach!“ Thilo trinkt Chablis, zieht an seiner Ökozigarette, atmet den Rauch tief ein und spricht: „Ein Wunder der Gemeinschaft hat einem Teil dieses Landes endlich Freiheit gebracht, ein politisches Wunder ein Jahr später allen in Deutschland Lebenden die Einheit.“ Und nun intoniert er inbrünstig rhetorisch: „Es war eine Sternstunde Europas – und was machen wir Deutschen nun daraus?“

Es herrscht Stille. Wenn Thilo so was fragt, denkt es in allen nur noch: Welche Peinlichkeit wird folgen? „Wir attackieren diese mirakulösen historischen Ereignisse mit klagenden Wortbomben wie soziale Kälte, Enttäuschung über verwelkte Landschaften, den Soli, die Kränkung der Ossis, die Ostalgie, der auch die ganzen Ost-Nazis entsprungen sind – ich kann das nicht mehr ertragen, die haben alle nicht nur eine Mauer im Kopf, sondern auch ein Brett davor“, sagt Thilo mit rotem Kopf, während Henriette ihn, nun ja, ein wenig mitleidig tätschelt.

Keiner von uns hat Widerworte, was selten ist in dieser Runde. „Stimmt, Thilo, der Mauerfall war Geschichte in Großbuchstaben“, sage ich. Thilo, Tränen in den Augen, nippt am Chablis. So sitzen wir da und gedenken gerührt des Mauerfalls. Stefan M. Dettlinger