Kommentar

Gewaltige Entfremdung

Peter W. Ragge zu den Problemen der Kirchen

CDU und SPD haben ihre Mitgliederzahlen seit 1990 fast halbiert, die Gewerkschaften beklagen ebenso Mitgliederschwund wie manche Vereine, und von Theater- bis zu Zeitschriftenabonnements zeigt die Kurve häufig steil nach unten. Die Kirchen sind also in guter, wenn auch beklagenswerter Gesellschaft. Überall lässt die Bindungskraft gesellschaftlicher Milieus nach, lockern sich tradierte Strukturen.

Dabei bräuchte unsere Gesellschaft gerade jetzt, in schwieriger werdenden Zeiten, den gemeinschaftsstiftenden Ansatz des Glaubens und die versöhnende Kraft Christi mehr als je zuvor. In der Corona-Krise hat die Kirche auch gezeigt, dass sie – trotz (oder wegen?) der Schließung der Gotteshäuser – durch neue, kreative Formen den Menschen sehr nahe sein, ihnen helfen, Trost spenden und den Dialog fördern kann. Vor Ort, in den Gemeinden, gibt es auch oft noch sehr reges Leben.

Doch die Institution Kirche hat für eine ganz gewaltige Entfremdung gesorgt. Daran ist vor allem, aber nicht nur der Missbrauchsskandal und der Umgang damit schuld. Das ganze Erscheinungsbild der Kirche wird oft als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen. Auf dem Marktplatz beliebiger Weltanschauungen kann sich heute jeder etwas suchen, was besser zu ihm passt – da gilt Christentum als starr und rückschrittlich. Gerade Katholiken tun sich zunehmend sehr schwer damit, wie sehr sich die Amtskirche von der Lebenswirklichkeit ihrer Basis entfernt hat. Die Protestanten werden oft einfach in Mithaftung genommen. Sich reformieren und mehr auf Menschen zugehen müssen beide – schnell.

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