Kommentar

Gezielter Affront

Archivartikel

Noch bevor US-Präsident Donald Trump im Königreich gelandet war, hatte er über Tage die Schlagzeilen bestimmt. Und das lag nicht allein daran, dass der Staatsbesuch umstritten ist. Trump mischte sich abermals in innerbritische Angelegenheiten ein. So riet er den Gastgebern etwa zum schnellen, zur Not auch ungeregelten Brexit und lobte Hardliner wie Boris Johnson als Kandidaten für den Posten des Premierministers.

Ein Affront. Aber Theresa May dürfte das weniger interessieren, es ist ihre letzte Woche im Amt. Die Brexit-Anhänger jedoch jubeln, äußert er sich doch in ihrem Sinne. Die Doppelmoral ist dabei kaum zu übersehen. Als vor dem EU-Referendum Ex-Präsident Barack Obama die Briten darauf hinwies, dass sie im Falle eines Brexit-Votums „am Ende der Warteschlange“ bezüglich eines bilateralen Handelsabkommens stünden, war der Aufschrei unter den Austrittsbefürwortern groß, dass sich ein ausländischer Politiker zu nationalen Belangen äußerte. Trumps Unterstützung kommt ihnen wiederum äußerst entgegen. Diese rührt auch daher, dass einige konservative US-Kreise aus Eigeninteresse hoffen, nach einem No-Deal-Brexit könnte es zu einem bilateralen Vertrag mit zwei deregulierten Finanzzentren London und New York kommen.

An der Oberfläche sieht das Land in dieser Woche viel Zeremoniell, mittendrin die Queen und die Gedenkfeierlichkeiten zum 75. Jahrestag des D-Day. May und Trump dürften versuchen, mit betont zur Schau gestellter Eintracht die tiefen Risse im Verhältnis zwischen London und Washington zu übertünchen. Die besondere Beziehung hat in den vergangenen Jahren gelitten. Seit Trump sind die Bande lose wie nie.

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