Kommentar

Gleich und gleich . . .

Archivartikel

Stefan Vetter über Wladimir Putins und Donald Trumps Auftritte beim G20-Gipfel in Osaka

Auf dem diplomatischen Parkett geht es manchmal zu wie im wahren Leben: Man ist vor Überraschungen nicht gefeit. Vor allem bei Donald Trump. Der US-Präsident hat sich seinen Ruf als großer Kritiker von Angela Merkel hartnäckig erarbeitet. Regelmäßig rügt er die Kanzlerin wegen der vergleichsweise niedrigen deutschen Verteidigungsausgaben. Und dazwischen attackiert er auch immer wieder ihre Flüchtlingspolitik. Von einem „Desaster“ für Deutschland war da schon bei Trump die Rede.

Beim G20-Gipfel in Osaka wurde aus dem stänkernden nun ein flötender Trump: Jetzt ist Merkel auch mal eine „fantastische Person“. Vielleicht lag Trumps Charme-Offensive daran, dass zu diesem Zeitpunkt schon Wladimir Putin in die Rolle des Bösewichts geschlüpft war. In einem Interview vor dem Gipfel-Treffen nannte der russische Präsident den Entschluss der Kanzlerin aus dem Jahr 2015, die deutschen Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, einen „Kardinalfehler“.

Dabei trägt Putin mit seinem militärischen Eingreifen in den Syrien-Konflikt und der massiven Unterstützung für Diktator Baschar al-Assad eine Mitverantwortung dafür, dass es zu den großen Flüchtlingsströmen überhaupt gekommen ist. Immerhin weiß man jetzt, was Putin am liebsten mit ihnen gemacht hätte. Denn er beließ es nicht bei der Merkel-Schelte. Vielmehr lobte Putin Trumps unmenschliches Vorgehen gegen Migranten an der südlichen Grenze der USA.

Ein erschütterndes Bilddokument von zwei offenbar ertrunkenen Flüchtlingen, einem jungen Vater und seiner kleinen Tochter, ging erst vor wenigen Tagen um die Welt. Es ist auch ein Dokument humanitären Versagens. Trump und Putin sind hier zwei Brüder im Geiste. Gerade in der Flüchtlingsfrage muss sich Merkel von ihnen keinen Nachhilfeunterricht erteilen lassen.