Kommentar

Globale Antwort

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Detlef Drewes zur Geberkonferenz: Das Coronavirus kann nur besiegt werden, wenn alle Staaten zusammenarbeiten

Nahezu jeder Staats- oder Regierungschef, der am Montag bei der Geberkonferenz das Lied auf die globale Zusammenarbeit sang, hatte am Anfang der Coronavirus-Krise reagiert, wie es eigentlich längst als überwunden galt: Grenzen schließen, protektionistische Abschottung, Einigeln und alle Reserven horten. Doch nun hat eine neue Phase begonnen – völlig unabhängig davon, ob der Lockdown schon gelockert oder erst noch ersehnt wird. Denn alle Staatenlenker begreifen, dass dies keine Krise ist, die man allein und schnell lösen kann. Und dass jede Lösung nur gemeinsam möglich ist. Es hilft nichts, wenn das Virus in einigen Ländern besiegt wurde, es sich aber in anderen weiter ausbreitet.

Wie auch immer die Normalität von morgen aussieht, es wird sie erst geben, wenn genügend Tests, ein Impfstoff für alle und Medikamente verfügbar sind. Die Geber-Konferenz hat neben viel Geld für Forschung, Entwicklung und Produktion vor allem eines gebracht: Die Verantwortlichen der Länder sind zusammengerückt und haben – mit wenigen unbegreiflichen Ausnahmen – signalisiert, dass der Weg aus dem Stillstand nur gemeinsam zu schaffen ist. Dabei wäre es viel zu früh, wollte man von einem Aufbruch sprechen. Ja, es ist beeindruckend, wie viele Forscher längst an geeigneten Präparaten zur Behandlung und zur Prävention arbeiten. Aber wer nach Anzeichen für einen schnellen Durchbruch sucht, bleibt auf der Strecke.

Dafür gibt es vielversprechende Ansätze, sogar Hoffnung und vor allem Indizien dafür, dass ein geeigneter Impfstoff am Ende nicht zum großen Marktschlager nur eines Konzerns und zur Hilfe für lediglich eine Nation wird – sondern, dass auch die Industrie zusammenarbeiten und vor allem weltweit ein solches Gegenmittel produzieren wird, um es allen zu verabreichen. Auch jenen, die es nicht bezahlen können. Dazu werden die starken Staaten noch tiefer in die Tasche greifen müssen, allen eigenen Problemen zum Trotz.

Aber wer glaubt, er könne seine Schwierigkeiten für sich alleine überwinden, irrt. Immunität, und damit ein Schutz vor dem Virus, ist erst dann erreicht, wenn alle geimpft sind. Wer sich dieser solidarischen Seite der Globalisierung verweigert, zahlt eine deutlich höhere Zeche. Allerdings muss das, was am Montag nicht nur als Symbol, sondern mit festen Zusagen begonnen hat, weitergehen. Nichts wäre fataler, als wenn diese Geberkonferenz wie so viele vor ihr anschließend im Räderwerk von Organisationen und Staaten versickern würde.

Jeder Euro und jeder Dollar müssen in die Arbeit der Forscher fließen. Jedes Reagenzglas und jedes Labor muss für diesen Dienst an den Menschen genutzt werden. Was das Virus am Anfang zerstört hat, muss nun wiederhergestellt werden: eine ideologiefreie und konsequente globale Forschung zugunsten jedes Landes und aller Bevölkerungen. Das mag sich wie ein frommer Wunsch anhören, ist aber nicht mehr als eine nüchterne Einsicht. Solange nicht alle gemeinsam handeln und jeden Menschen heilen, bleibt das Virus immer der Sieger.

Bis zu dem Augenblick, in dem genügend geeignete und getestete Arzneimittel und Impfreserven zur Verfügung stehen, wird jedes Land mit angezogener Handbremse weiterleben müssen. Wir werden die Masken erst abnehmen und große Konzerte erst wieder besuchen dürfen, wenn der Schutz erreicht ist – nicht nur hierzulande, sondern global. Deshalb ist eine ebenfalls globale Antwort unverzichtbar. Die Geberkonferenz gehört niemandem, sondern allen. Sie muss ein Wendepunkt sein. Im Kampf gegen den Corona-Erreger darf nach diesem Treffen nichts mehr wie vorher bleiben. Das mag wie ein unerfüllbarer Anspruch klingen – um nicht weniger geht es. Scheitern oder Versagen sind keine Option.