Kommentar

Grandios gescheitert

Marc Stevermüer zur Aufarbeitung der WM-Affäre

Das Sommermärchen 2006 ist schon jetzt ein viel umfassenderes Märchen, als wir uns alle das jemals hätten vorstellen können. Denn irgendetwas stimmt nicht mit dieser Fußball-Weltmeisterschaft, noch immer ist der Sinn und Zweck einer dubiosen 6,7 Millionen-Euro-Überweisung vollkommen unklar. Wurden für die WM-Vergabe Stimmen gekauft? Oder ging es – so lautet eine der neuesten Thesen – um TV-Rechte? Auf diese Fragen wird es ziemlich sicher keine vernünftigen Antworten und somit auch keine Strafen mehr geben. Die Aufklärung ist gescheitert.

Das liegt einerseits am beharrlich schweigenden Franz Beckenbauer, der als Einziger die Geldströme erklären könnte, dessen Verfahren jetzt aber auch noch abgetrennt wurde. Doch wenn die zentrale Figur der deutschen WM-Bewerbung fehlt, macht eine Aufarbeitung keinen Sinn. Die voll umfängliche Bewertung ohne den gestürzten „Kaiser“ ist praktisch nicht möglich.

Zudem drängt die Zeit: Bis zum April 2020 muss eine fundierte Anklage formuliert und ein Urteil gesprochen sein, sonst ist die Angelegenheit in der Schweiz verjährt. Es ist angesichts des bislang Erlebten allerdings nicht davon auszugehen, dass dies gelingt. Die Schweizer Bundesanwaltschaft ist schlichtweg zu spät dran – und steht ohnehin schon in Verruf, seitdem die gar nicht so geheimen Treffen von Bundesanwalt Michael Lauber mit dem umstrittenen Fifa-Boss Gianni Infantino öffentlich wurden und einen Skandal auslösten.

Lauber gilt zwar von nun an als befangen und darf die Ermittlungen nicht mehr weiterführen – und doch verstärkt sich ein Eindruck immer mehr. Es fehlt nicht nur Beckenbauers Aussage, sondern auch an den entscheidenden Stellen der unbändige Wille zur Aufklärung.

 
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