Kommentar

Greta II gesucht

Archivartikel

2020 – was für eine Jahreszahl. Vor uns liegen 366 Tage, in denen uns Klima und China beschäftigen, Amerikas Präsident gewählt, Fußball-Europameister und Eishockey-Weltmeister gekürt, große Koalitionen und Gretas gleichsam gelobt, geliebt und strapaziert werden. Und marode (Hoch)straßen mitsamt baufälligen Brücken uns in unserer Region eine Menge Nerven, viel Lebenszeit und noch mehr Geld kosten.

Die Unübersichtlichkeit in der großen, weiten Welt wächst genauso wie die Bevölkerung auf dem Erdball. Und manche Maßstäbe werden verrückt, Selbstverständlichkeiten zu Sensationen oder Skandalen. Etwa wenn eine 16-Jährige namens Greta Thunberg in einem überfüllten ICE – wie Mitte Dezember geschehen – durch Deutschland fährt und eine Weile keinen Sitzplatz hat. 16 Jahre alt und keinen Sitzplatz? Das kommt vor und muss in überfüllten Zügen genauso wie in Straßenbahnen eine Selbstverständlichkeit sein. War es aber nicht. Weltweit thematisierten Medien in Wort und Bild, dass die kleine Kämpferin für ein besseres Klima und mehr Klimabewusstsein auf dem Gang hocken musste. Diese Zeitung tat es nicht. „Wir reden zu viel über Nebensächliches“, sagt der Medien-Professor Bernhard Pörksen in einem Interview, das Sie weiter hinten in der heutigen Ausgabe finden – ohne Bezug auf Thunbergs Klima-Mission, mit Bezug auf ihre ICE-Fahrt.

Alles andere als „nebensächlich“ ist, dass mit Ursula von der Leyen im auslaufenden Jahr eine Deutsche zur Präsidentin der Europäischen Kommission wurde. Sie folgte auf den Luxemburger Jean-Claude Juncker und sitzt nun an den EU-Schalthebeln der Macht. Die christdemokratische Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht ist damit eine der mächtigsten Frauen Europas.

Leyens Weg dorthin führte über mehrere Bundesministerien, zuletzt war die Mutter von sieben Kindern Verteidigungsministerin. Dort hält jetzt Annegret Kramp-Karrenbauer, kurz AKK, an vorderster Front die Stellung. Die Saarländerin gilt als enge Verbündete von Bundeskanzlerin Angela Merkel und soll möglicherweise CDU-Kanzlerkandidatin werden, bevor Merkel im Herbst 2021 nach Ablauf ihrer vierten Amtszeit geht. Merkel macht das, was bei der CDU jahrzehntelang eher im Kleingedruckten des Parteiprogramms stand – nämlich Frauenpolitik. Sie, die Unentwegte, arbeitet auch im Herbst ihrer Kanzlerschaft wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie zieht die Strippen, organisiert die Besetzung wichtiger Positionen, wie am Beispiel Leyen und AKK zu sehen ist, und lässt sich – wie schon seit Jahren – nicht von Berliner, Brüsseler oder weltweiten Aufgeregtheiten aus der Fassung bringen. Zielstrebigkeit, Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit, mehr sein als scheinen – diese preußischen Tugenden prägen ihr Tun. Das ist in Zeiten, in denen demokratische Politiker und Politik mehr denn je misstrauisch beäugt und mit teils ätzendem, zersetzendem Wort-Mist beworfen werden, besonders wichtig.

Von den gestandenen Frauen der Politik führt der Weg zur alten Dame SPD. Die ehrwürdige Partei sucht seit Jahren ihre Linie; die ist in der schon erwähnten, unübersichtlicher werdenden Welt verloren gegangen. Auf der Suche nach Antworten zur Frage, wie viel linke Politik und wie viel Mitte die SPD verträgt, ist sie zu einer Partei fast ohne Wähler-Volk geworden. Die alte Dame SPD wird sich durchhangeln bis zum regulären Ende der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, denn auch Sozialdemokraten wissen: Macht ist besser als machtlos. Vielleicht liegt die den Verfall stoppende Mischung ja in dem, was ein Kollege der Zeitschrift „Stern“ vor Wochen schrieb und der linke Teil der SPD aktuell öffentlich denkt, nämlich: SPD und Linke sollen eine Partei werden.

Über Parteien und ihre Grenzen hinweg belasten uns wachsender Judenhass, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus. Der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sprach im „Spiegel“ von einem „besorgniserregenden Anstieg“ schon vor dem Anschlag von Halle im Oktober 2019. Michael Blume, Beauftragter des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus, sagt in dieser Ausgabe: „Der Antisemitismus wird niemals satt. Er radikalisiert sich gegenwärtig digital und global.“

Es ist leider an der Zeit, dass wir gegen die rechtsextrem-rassistischen Angriffe wieder mehr kräftige, mutige und differenzierte Mahner und Macher deutlich zu Wort kommen lassen müssen. Etwa solche Menschen wie den beharrlichen und eindringlichen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Er überlebte den organisierten Judenmord der Nazis in der Hitler-Diktatur von 1933 bis 1945, verlor Eltern und Bruder. Er wäre 2020 genau 100 Jahre alt geworden. Entertainer Thomas Gottschalk bezeichnete ihn in seiner Trauerrede vor gut fünf Jahren als „Held des Vergebens, aber Gott sei Dank nicht als Held des Vergessens“. Vielleicht reicht aber auch die mahnende Kraft der Überlebenden und Erfahrenen nicht mehr aus. Vielleicht ist im Zeitalter der Suche nach Orientierung die Zeit gekommen für eine weitere Figur wie Greta Thunberg, eine Greta II – im weltweiten Kampf gegen den wachsenden Judenhass.