Kommentar

Große Chance

Alexander Müller sieht in der heute startenden Fußball-Weltmeisterschaft Hoffnung für das autoritär geprägte Russland

Der deutsche Regierungschef fand deutliche Worte. Der Sport könne nicht von den moralischen und sittlichen Normen für das Zusammenleben der Völker getrennt werden, begründete Kanzler Helmut Schmidt den Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau. Das war 1980, kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan. 38 Jahre danach leben die vergessen geglaubten Zeiten des Kalten Kriegs leider wieder auf.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu boykottieren, wie es so mancher Politiker in den vergangenen Monaten forderte, wäre dennoch mit Sicherheit die falsche Entscheidung gewesen. Aber klar ist auch: Über dem heute beginnenden Turnier im Riesenreich senkt sich ein gewaltiger Schatten, der das erwünschte unbeschwerte Fußball-Fest belasten könnte – und wohl auch wird.

Der russische Präsident Wladimir Putin dürfte versuchen, die schönen Hochglanz-Bilder der WM für seine eigenen (Propaganda)-Zwecke auszubeuten, um seine Position als unangefochtener Herrscher weiter zu festigen.

In einer heftig in Unordnung geratenen Welt – auch wenn an diesem Zustand beileibe nicht nur Russland seinen Anteil hat – spielt der Kreml-Potentat eine besonders fragwürdige Rolle: der Einmarsch auf der Krim, der kriegsähnliche Konflikt in der Ost-Ukraine, das russische Engagement an der Seite des Verbrechers Baschar al-Assad in Syrien, die Unterdrückung der Opposition und Meinungsfreiheit im eigenen Land, die Vergiftung des ehemaligen Spions Sergej Skripal und seiner Tochter in Großbritannien – die Liste ist lang. Dass der russische Sport zudem in den größten Staatsdoping-Skandal seit dem Fall der Mauer verwickelt ist, macht die Vorfreude auch nicht größer. Stimmungsdämpfer gibt es mehr als genug.

Dennoch ist es gut und wichtig, dass diese WM in Russland stattfindet. Für die Russen selbst, denen man schon in den Tagen vor dem Turnierstart ihren Stolz darüber angesehen hat, dass Gäste aus der ganzen Welt ihr Land besuchen. Aber auch für die gesellschaftliche Atmosphäre im Putin-Reich.

Selbst wenn die Hoffnung auf die sanfte Öffnung eines autoritär geprägten Landes über ein sportliches Großereignis letztlich noch nie richtig funktioniert hat – siehe Olympia in Peking –, Dialog ist immer besser als Isolierung. Und der Opposition zwischen Moskau und Wladiwostok ist garantiert auch mehr damit geholfen, wenn unabhängige Journalisten in den nächsten Wochen permanent Schlaglichter auf die russischen Verhältnisse werfen, als wenn die Reporter wegen eines Boykotts einfach zu Hause blieben.

Russland hat mit der WM die große Chance bekommen, dass tausende Fußball-Fans statt mit den alten Stereotypen mit einer differenzierteren Sicht auf ein unfassbar riesiges Land nach Hause fahren, das uns trotz aller Probleme nicht nur geografisch näher liegt, als manche glauben. Dieser Aussage hätte sicher auch Helmut Schmidt ausdrücklich zugestimmt.

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