Kommentar

Große Judo-Kunst

Werner Kolhoff attestiert Kanzlerin Angela Merkel einen bravourösen Auftritt beim Deutschlandtag der Jungen Union

In der Politik tut man oft gut daran, abzuwarten. Nach der Bayern-Wahl am Sonntag sieht die Welt schon anders aus, nach der Wahl in Hessen zwei Wochen danach erst recht. Es war daher richtig, dass Angela Merkel nach der Abwahl Volker Kauders nicht hektisch reagiert hat und bei ihrer Kandidatur als CDU-Vorsitzende geblieben ist. Die Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz ist meist der Anfang vom Ende. Siehe Gerhard Schröder.

Außerdem schießen die Preußen so schnell doch nicht, als dass eine Langzeit-Kanzlerin so mir nichts, dir nichts abserviert werden könnte. Merkel hat beim Deutschlandtag der Jungen Union in Kiel an diesem Wochenende gleich mehrere Tests bestanden, mit ziemlicher Bravour.

Erstens: Sie ist nicht verunsichert. Wenn es die Hoffnung einiger gewesen sein sollte, die Chefin werde nach all dem Frust dieses verkorksten Jahres ihre Spannkraft verlieren, so haben sie sich getäuscht. Sie wirkte jünger als viele der Jungen in der Union. Mit ihren Spitzen gegen den niedrigen Frauenanteil in der Führung der Jugendorganisation und ihren Hinweisen auf die eigentlichen Zukunftsaufgaben hat die CDU-Vorsitzende den Nachwuchs mit ziemlich leichter Hand auf die Matte geschickt. Die negative Energie des Angreifers aufnehmen und ganz ohne Hektik umwandeln, das ist große Judo-Kunst.

Merkel hat zweitens auch den Test bestanden, dass es derzeit keinen ernsthaften Herausforderer gegen sie gibt. Jedenfalls ist auch in Kiel keiner aus der Deckung gekommen. Der Beifall für den neuen Fraktionschef Ralph Brinkhaus hat freilich gezeigt, wie groß das Bedürfnis nach einem irgendwie gearteten Neuanfang ist. Merkel ist als CDU-Vorsitzende derzeit aber noch alternativlos. Gleichzeitig hat sie den Zenit ihrer Macht überschritten, und die Partei sehnt sich nach frischem Wind.

Dass die 64-Jährige auf dem anstehenden Parteitag für weitere zwei Jahre als CDU-Vorsitzende kandidieren will, ist also richtig. Alles andere würde die Union ins Chaos stürzen. Ihre erneute Bewerbung wäre aber falsch, ja sogar grob fahrlässig, wenn sie keinen Fahrplan hätte, um spätestens 2020 einen Wechsel an der Parteispitze herbeizuführen.