Kommentar

Halbvoll – halbleer

Archivartikel

Stefan Vetter findet, dass der Osten dem Westen bei entscheidenden wirtschaftlichen Standortfaktoren weiterhin hinterherhinkt

Alle Jahre wieder veröffentlicht die Bundesregierung ihren Bericht zum Stand der deutschen Einheit. Und genauso regelmäßig wird darüber gestritten, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist. Zweifellos haben die neuen Bundesländer im Vergleich zu den alten viel an Lebensqualität gewonnen. Davon zeugen nicht nur gut ausgebaute Straßen oder sorgsam restaurierte Innenstädte. Der Arbeitsmarkt hat sich ebenfalls deutlich entspannt. Inzwischen werden auch im Osten Fachkräfte gesucht. Die Lohnentwicklung ist positiv, zumindest, was die tarifliche Bezahlung angeht.

Aber da ist eben auch die Kehrseite der Medaille: keine Dax-Konzernzentralen im Osten, kleinteiliges Wirtschaften, vergleichsweise geringe Forschungskapazitäten. Von diesen Strukturdefiziten war fast wortgleich schon in früheren Berichtsausgaben die Rede. Und so kommt es, dass der Osten dem Westen bei entscheidenden wirtschaftlichen Kennziffern auch weiter hinterherhinkt.

Besonders ernüchternd ist dieser Befund in der aktuellen Bestandsaufnahme: Selbst das ökonomisch schwächste Bundesland im Westen steht immer noch besser da als das stärkste Bundesland im Osten. Auch die Wirtschaftskraft einer Boom-Metropole wie Leipzig erreicht vor diesem Hintergrund nur das Niveau strukturschwächerer Kommunen in den alten Ländern. Wegen seiner nahezu flächendeckenden wirtschaftlichen Defizite wird der Osten auch nach Abschaffung des Solidaritätszuschlags überproportional von staatlichen Hilfen abhängig sein.

 
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