Kommentar

Harmonie verflogen

Archivartikel

Jan Kotulla zum Weggang Vettels von Ferrari

Sebastian Vettel hat einen Schlussstrich gezogen. Mit der angekündigten Trennung von Ferrari endet eine Zusammenarbeit, die viele – zumindest anfänglich – als perfekte Partnerschaft gesehen haben. Allerdings blieb der große Traum des Traditionsrennstalls und des ehrgeizigen Heppenheimers unerfüllt. 2015 war der vierfache Weltmeister geholt worden, um die Italiener zurück an die Spitze der Formel 1 zu bringen. Stattdessen übernahm Mercedes endgültig das Zepter und düpierte die Roten aus Maranello ein ums andere Jahr. Die Gründe für dieses Scheitern sind vielschichtig.

Sebastian Vettel ist in vielen Dingen eher altmodisch. Einen Manager? Braucht er nicht. Schon als Zehnjähriger hat er selbst um Sponsorengelder verhandelt. Soziale Netzwerke und Selfies? Damit kann der dreifache Familienvater so gar nichts anfangen. Zwei starke Fahrer im Team? Nicht mit Vettel. Er will Verantwortung im Cockpit und bei der Entwicklung übernehmen, dafür verlangt er aber den Status als unumstrittene Nummer eins.

Klein beigeben? Nicht sein Ding. Nach vier Titeln in Serie mit Red Bull suchte er eine neue Herausforderung. Als Ferrari anklopfte – Mercedes hatte ebenfalls stets Interesse – ging ein Traum in Erfüllung. Er stürzte sich in die Arbeit. Doch anders als sein Vorbild und Freund Michael Schumacher hatte Vettel bei der Scuderia nicht den nötigen Rückhalt bis in die Führungsspitze. Trotz offensichtlicher technischer Probleme wurde der Heppenheimer für Misserfolge verantwortlich gemacht. Man ersetzte Kimi Räikkönen durch Charles Leclerc, der sich mit der Rolle als Nummer zwei nicht zufriedengeben wollte. Bei Vettel schlichen sich Fehler ein, er wirkte außerdem zunehmend dünnhäutiger.

Vettel spricht in seiner Stellungnahme von notwendiger „perfekter Harmonie“ – diese ist schon lange verflogen. Die vorzeitige Vertragsverlängerung von Leclerc und die Weigerung, Vettel auch in den nächsten drei Jahren zu vertrauen, die technischen Tricksereien und viel Zeit zum Nachdenken aufgrund Zwangspause – das alles hat zum nun bekannten Ergebnis geführt.

Jetzt bieten sich dem 32-Jährigen neue Chancen. 2021 kommt ein neues Reglement. McLaren, Renault und Mercedes wären mögliche Teams für den neuen Karriereabschnitt. Denn ganz aufhören dürfte Vettel noch nicht. Solange die Formel 1 mit Benzinmotoren fährt, ist das die unwahrscheinlichste Option. Dazu ist Vettel viel zu sehr Motorsportler und sein Hunger auf den fünften WM-Titel noch ungestillt.

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