Kommentar

Hausgemachte Probleme

Jan Kotulla über die Herausforderungen des IOC

Das Internationale Olympische Komitee steckt in der Zwickmühle. Mal wieder. Und es hat sich – zumindest teilweise – sehenden Auges in die schwierige Situation manövriert. In Zeiten, in denen die Corona-Fallzahlen in vielen Ländern wieder rasant steigen, lässt die Aussage der Organisatoren der Sommerspiele in Tokio aufhorchen. „Um jeden Preis“ werde man das auf 2021 verschobene Sportspektakel austragen. „Ob mit Corona oder ohne.“ Was vielleicht als Mutmacher gedacht war, könnte von vielen falsch verstanden werden. Angesichts der weiterhin kaum absehbaren wirtschaftlichen Folgen und mit Blick auf eine mögliche Ansteckung auch noch in einem Jahr – selbst wenn ein Impfstoff gefunden und in ausreichender Zahl produziert würde – klingt dieses Machtwort zynisch. Die Gesundheitsgefährdung von Sportlern oder Zuschauern wird einfach in Kauf genommen. Dabei dürften die Kosten für diese Olympischen Spiele vor allem wegen der Corona-Maßnahmen noch weiter steigen.

Doch der Druck ist hoch, Sponsoren und TV-Sender haben dem IOC sehr viel Geld überwiesen, das aus der Zentrale in der Schweiz an die nationalen Verbände weitergeleitet wird. Die brauchen es zum Überleben.

Als hätte das IOC also nicht schon genug Sorgen, haben sich nun über 160 Menschenrechtsorganisationen zusammengeschlossen, um davor zu warnen, China die Winterspiele 2022 austragen zu lassen. Bereits die Vergabe war umstritten. Zur Wahl standen nur Peking das kasachische Almaty. Alle Bewerbungen aus demokratischen Ländern waren nach und nach zurückgezogen worden. Also entschied man sich für das vermeintlich kleinere Übel.

Dabei hätten die Funktionäre gewarnt sein müssen. 2008 nutzte die allmächtige Partei die olympische Bühne, um sich zu produzieren. Die Hoffnung, das Reich der Mitte würde sich öffnen, erwies sich als Trugschluss. Stattdessen waren die Sommerspiele der Testlauf für die immer strengere Internetzensur, die Demokratiebewegung in Hongkong wurde in den Folgejahren hart attackiert, das Volk der Uiguren unter dem Vorwand der Terrorismusabwehr drangsaliert und der Machtanspruch auf Taiwan und im südchinesischen Meer mit massiver Aufrüstung Nachdruck verliehen.

Es wird immer deutlicher, dass bereits der Zuschlag für Peking 2008 ein Fehler war. Erst recht der für 2022. Das Problem ist nur, dass das IOC aus dieser Nummer nicht mehr herauskommt, ohne die aufstrebende Sportmacht vor den Kopf zu stoßen. Das wäre aber das Letzte, was Thomas Bach tun würde.

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