Kommentar

Heute wichtiger denn je

Archivartikel

Die öffentlichen Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag fallen weitgehend aus. Na und, wird mancher sagen: Haben wir wegen Corona nicht andere Sorgen? Wie wir unsere Kinder unterbringen? Wie wir finanziell überleben? Wie wir gesund bleiben? Das alles ist richtig. Doch irgendwie greift es auch zu kurz.

Um es deutlich zu sagen: Dass die Feiern in den Gemeinden und Stadtteilen de facto abgesagt wurden, ist richtig, weil verantwortungsvoll. Keine Veranstaltung wird in ihrem Publikum so sehr von der Risikogruppe geprägt wie die Volkstrauertagsfeiern. Da gilt es, jede Gefahr zu vermeiden. Und zudem tangiert die Absage hier keine ökonomischen Interessen, die ja sonst für manche Art von Ausnahmen von den Corona-Regeln herhalten müssen.

Der Volkstrauertag ist wahrlich nicht systemrelevant. Überflüssig ist er dennoch nicht. Und so ist es gut, dass er vor Ort nicht ganz sang- und klanglos vorbei geht. Denn er ist wichtiger denn je – in einer Zeit, in der Kriege keineswegs ausgerottet sind, in der ihre tieferen Ursachen vielmehr wieder wachsen: Populismus, Nationalismus, Rassismus.

Der Finger in der Wunde

Der Volkstrauertag legt den Finger in diese Wunden. Seine Verortung im Kalender zeigt, dass unser Leben mehr ist als Party. Selbst wenn ein unbedarftes Gemüt nur fragt „Volkstrauertag, was ist denn das?“, dann hat der Tag seinen Sinn schon erreicht.

Vielleicht bietet die Zwangspause Gelegenheit, über die Art, wie wir diesen Tag begehen, neu nachzudenken. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen zu diesem Anlass Reden gehalten wurden, über die man heute nur den Kopf schütteln kann. Und an vielen Orten sind Jugendliche heute bereits Akteure an diesem Tag.

Doch noch immer ist der Ablauf zu sehr in Ritualen gefangen – von Kranzniederlegungen bis zu „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Wer den Bestand des Tages sichern will für eine Zeit, in der die Erlebnisgeneration und ihre direkten Nachfahren nicht mehr dabei sind, der muss ihn verändern. Denn ihn begehen wir nicht wegen der Vergangenheit, sondern für eine gute Zukunft.

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