Kommentar

Hitze wird politisch

Archivartikel

Werner Kolhoff empfiehlt Kommunen und Behörden, sich rechtzeitig auf den Klimawandel einzustellen und umfassende Lösungen zu finden

Mit gutem Gefühl fürs Timing und einer gewissen Portion Populismus haben die Grünen einen „Hitzeaktionsplan“ vorgelegt. Denn ganz Deutschland redet derzeit über die Temperaturen, weil Rekorde gebrochen worden sind und 40 Grad wahrlich nicht mehr als „normal“ angesehen werden können. Die Einhaltung der Klimaziele von Paris bleibt existenziell notwendig, damit nicht alles noch viel schlimmer wird. Gleichwohl muss man sich schon mit Anpassungsstrategien beschäftigen, und das geschieht auch.

An den Küsten werden schon lange systematisch Deiche und Wehre verstärkt, denn der Meeresspiegel steigt. Die Waldbesitzer stellen sich um auf andere Mischungen in den Forsten, die Bauern auf trockenresistentere Getreidearten. Die Versicherungen schaffen Rücklagen für Sturmschäden, und die Skiregionen entwickeln Alternativangebote für Winter ohne Schnee. Das alles ist keine Kapitulation vor dem Klimawandel, sondern schlichte Notwendigkeit. Es geht darum, die Menschen vor unmittelbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gefahren zu schützen.

Die Hitze stellt Anforderungen an sehr viele Bereiche der Gesellschaft, die man bisher in dieser Klarheit noch nicht auf dem Schirm hatte. Zu debattieren ist zum Beispiel, ob der Arbeitsschutz für Menschen, die draußen oder in überhitzten Räumen tätig sind, ausgeweitet werden muss. Die Lern- und Prüfungsbedingungen von Schülern und Studenten müssen ebenfalls überprüft werden. Es geht darüber hinaus um Stadtplanung und kühlendes Grün, um Architektur und Bautechnik. Sind Glas und Stahl noch das richtige Material für Büros, Schulräume und Bibliotheken?

Zwar haben die Behörden in Bund, Ländern und Gemeinden das Thema auf dem Schirm. Doch sollte die aktuelle, dramatische Entwicklung Anlass sein, noch einmal alles zu koordinieren und auch zu prüfen, ob mehr Geld in die Hand genommen werden muss. Denn das kommt wieder. „Hitzegipfel“ auf jeder Handlungsebene, Kreise, Länder, Bund, wären sicher nicht übertrieben.

Vor allem muss es darum gehen, konsistente Lösungen zu finden. Zum Beispiel sind energiefressende Klimaanlagen sicher nicht die richtige Antwort, denn sie verstärken den CO2-Ausstoß nur weiter. Und wenn die Stadt- und Raumplanung das Thema Grün, Schatten, Frischluftschneisen und Wasser stärker mitbedenken soll, dann darf eben nicht mehr alles bebaut werden. Dann muss die Kleingartenanlage im Zweifel erhalten bleiben. Es gibt viele Zielkonflikte, die entschieden werden müssen.

Im Kleinen wie im Großen. So wird die Hitze politisch. Ihre Ursache, der Klimawandel, ist es längst.