Kommentar

Hohes Sucht-Risiko

Archivartikel

Peter Reinhardt bewertet Sucht im Erwerbsleben; als stark unterschätztes Risiko mit hohem wirtschaftlichem Schaden

Natürlich ist ein Glas Bier oder ein Wein am Abend noch kein Indiz für eine Alkoholabhängigkeit. Aber die Grenzen sind fließend. Für Experten beginnt das riskante Konsumverhalten schon bei zwei Gläschen täglich. Zu dieser Gruppe zählt eine neue Studie allein in Baden-Württemberg über 400 000 Erwerbstätige. Besonders überraschend ist, dass es bei den Computerspielern ein ähnliches Suchtverhalten gibt.

Die Zahl der echt alkohol- oder zigarettenabhängigen Erwerbstätigen ist deutlich kleiner. Aber im Job fangen die Probleme auch schon früher an, etwa mit Unkonzentriertheiten, Zuspätkommen und verplemperter Arbeitszeit. Und Suchtmediziner haben die Risikogruppen besonders im Blick, weil bei diesen Betroffenen mit präventiven Hilfsangeboten noch vergleichsweise einfach Verbesserungen möglich sind. Ein echter Entzug ist dagegen viel aufwendiger. Dazu kommt das Risiko von Folgeerkrankungen, die von trunkenheitsbedingten Knochenbrüchen über seelische Folgekrankheiten bis hin zu Krebs reichen. Da geht es bei Erwerbstätigen um individuelles Leid und für die Wirtschaft um lange Fehlzeiten.

Die Studie liefert interessante Einblicke in die Grauzone der blauen Stunden. Aber die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Offensichtlich aus Marketinggründen hat man nach Modethemen wie Computerspielern gefragt, aber zum Beispiel die Abhängigkeit von Medikamenten ausgeklammert. Nicht vergessen werden sollten zudem die Abhängigen, die eventuell wegen ihrer Sucht schon aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Medizinisch gesehen sind das die schweren Fälle.