Kommentar

Ignoranz

Archivartikel

Werner Kolhoff zur Hitzewelle in Deutschland und Europa: Auch wenn jeder einzelne mehr für den Klimaschutz tun muss, ist vor allem die Politik gefragt

Ein einzelnes Wetterphänomen bleibt ein einzelnes, zufälliges Wetterphänomen. Man kann die endlos währende Hitzewelle nicht direkt auf den Klimawandel zurückzuführen. Jedoch sagt die Wissenschaft seit langem eine stetige Zunahme solcher Extremwetterereignisse auch für Deutschland voraus, und die Daten geben ihr Recht.

Hier beginnt ein grundsätzliches Problem. Mit fast unmerklichen Veränderungen weiß der Mensch nichts anzufangen. Er kann nur das Wetter von heute sehen. Nicht Statistiken. Extrem-ereignisse werden zwar registriert, aber bald wieder vergessen. Wer erinnert sich zum Beispiel noch, dass der vergangene April so warm war wie noch nie?

Die weniger auffälligen Folgen der Erderwärmung werden nicht einmal mehr wahrgenommen, etwa die immer milderen Winter. An so etwas gewöhnt man sich. Von der Eisschmelze auf den Gletschern oder im Polarmeer nicht zu reden. In der Großräumigkeit und Langfristigkeit der Veränderungen verschwindet nicht nur das Problembewusstsein, sondern auch die Verantwortung des Einzelnen.

Tatsächlich ist aber jeder Einzelne mit seiner Lebensweise Schuld an der Situation. Besonders die Menschen in den hochindustrialisierten Ländern. Nur wenn sie ihr Verhalten ändern und/oder andere Techniken nutzen, ist das Problem zu lösen. Wahr ist freilich auch, dass individueller Verzicht zwar löblich, aber kaum wirksam ist. Im Zweifelsfall bedeutet er nur einen Vorteil für andere. Jeder, der in der Stadt Rad oder Straßenbahn fährt, nutzt dem Klima. Aber er schafft auch Platz für einen Autofahrer, der nun schneller durchkommt.

Auch Staaten verhalten sich rücksichtslos, am schlimmsten aktuell die USA. Klimaschutz ist zwingend eine kollektive Aufgabe. Aus der Situation sind politische Schlüsse zu ziehen. Erstens, dass es höchste Zeit ist, nationale Anpassungsstrategien zu verstärken. Es wird auf Dauer nicht funktionieren, jeder Branche ihren Schaden per Notfallfonds auszugleichen, wie jetzt die Bauern fordern. Dafür wird das Geld nicht reichen.

Vielmehr müssen sich die Branchen frühzeitig auf die Veränderungen einstellen, ob Bauern, Binnenschiffer oder Skiliftbetreiber. Auch muss der Staat die Infrastruktur rechtzeitig anpassen, von höheren Deichen bis zur besseren Durchlüftung der Städte. Vor allem aber ist eine viel konsequentere Klimaschutzpolitik notwendig. Denn noch immer gibt es die Chance, die Entwicklung anzuhalten.

Nur Regierungen und Parlamente können dafür sorgen, dass die Interessen aller gewahrt werden, wenn in großem Maßstab Technik umgerüstet und Verhalten geändert werden muss. National wie international. Deutschland zum Beispiel hinkt seinen eigenen Klimazielen weit hinterher; vor allem im Verkehr, bei der Gebäudeenergie und auch in der Landwirtschaft. Das sollte Wahlkampfthema sein. Schon jetzt in Bayern und Hessen.

Der Einzelne kann noch etwas tun: nicht komplett ignorant sein. So wie jener Autofahrer, der kürzlich auf die Frage, warum er bei der Hitze auch noch im Stand seinen Motor laufen lasse, antwortete: Wegen der Lüftung.