Kommentar

Illusion von Wettbewerb

Archivartikel

Alexander Müller kritisiert den neuen EM-Modus

Das Fachmagazin „Kicker“ hat dieser Tage Verblüffendes herausgefunden: Selbst wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sämtliche zwölf Spiele in der Nations League und der EM-Qualifikation verloren hätte, könnte sie sich über den Umweg Play-offs noch für das Turnier im Sommer 2020 qualifizieren. Kaum zu glauben, aber wahr. Der neue Modus der Europameisterschaft ist ein von oben verordneter Irrsinn, den kein normaler Mensch mehr versteht und der die Qualifikationsrunde sportlich komplett entwertet. Siehe das Rechenspiel mit der DFB-Elf.

Der Europäische Fußballverband UEFA hat 55 Mitgliedsnationen, bei der EM dürfen seit der politisch und wirtschaftlich motivierten Ausweitung des Turniers im Jahr 2016 24 Teams mitmachen – also fast die Hälfte. Zieht man auch noch Fußball-Zwerge wie San Marino, Gibraltar, Färöer oder Andorra ab, ist eine Nicht-Qualifikation für die größeren Nationen mittlerweile quasi ausgeschlosseb. Selbst wenn man ein Herz für Außenseiter besitzt, bleibt es fragwürdig, dass sich in den am Freitag gelosten Play-offs aus dem Quartett Georgien, Nord-Mazedonien, Kosovo und Weißrussland eine Mannschaft für die EM qualifizieren wird. Was bleibt, ist eine Illusion von Wettbewerb und Spannung.

Weiter geht der Nonsens übrigens bei der Auslosung der EM-Vorrunde, bei der manche Gruppenzusammensetzungen aufgrund der komplizierten Struktur mit zwölf Gastgeberländern schon im Vorfeld feststehen. Und beim Turnier selbst ziehen auch die vier besten Vorrunden-Dritten in die K.o.-Phase ein. Um zu verstehen, wer im Achtelfinale gegen wen spielt, benötigt man ein Mathematik-Grundstudium.

Fußball war immer so ein herrlich einfacher Sport. Bis er in die Fänge abgehobener Funktionären mit ihren absurden Ideen geraten ist.

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