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Stefan Vetter über den Parteitag in Bielefeld: Die Grünen wollen unbedingt wieder in Berlin mitregieren

Viel Harmonie und Zuversicht – auf dem Parteitag in Bielefeld. Die Grünen waren bei ihrem Treffen ganz bei sich, sie schienen vor Kraft kaum laufen zu können. Derzeit sind die Rahmenbedingungen auch optimal. Ein politisch außerordentlich begabtes Führungsduo, dem es in echter Teamarbeit gelungen ist, die verschiedenen Parteiflügel zu versöhnen, eine Bundesregierung, die mit ihrem Klimapaket weit hinter den Erwartungen nicht nur der Grünen, sondern auch führender Klima- und Umweltforscher zurückbleibt, und eine Sehnsucht nach Orientierung, die die Partei mit einem relativ klaren sozialökologischen Profil zu bedienen weiß.

Da kann es auch nicht verwundern, wenn Annalena Baerbock und Robert Habeck aller antiautoritären Grünen-Tradition zum Trotz mit SED-verdächtigen Wahlergebnissen bedacht wurde. Ihr Mega-Erfolg ist freilich auch eine große Bürde. Das Umwelt-Thema muss kein Dauerläufer sein. Um die Wähler dauerhaft zu binden, müssen sich die Grünen thematisch verbreitern. Im Zweifel sorgt viele Bürger die Sicherheit ihres Jobs oder die Bezahlbarkeit ihrer Miete mehr als die Frage, ob der Kohleausstieg und der Abschied vom Verbrennungsmotor ein paar Jahre früher oder später kommen.

Deshalb waren die Grünen in Bielefeld auch gut beraten, nicht nur öko zu sein, sondern sich auch um das Wohnen und die Wirtschaft zu kümmern. Das Problem ist, dass den Grünen auf solchen Feldern immer noch sehr wenig Kompetenz beigemessen wird. In der allgemeinen Wahrnehmung sind sie eine Einthemenpartei. Es wird Zeit brauchen, bis sich das ändert. Wenn überhaupt.

So gesehen können sich die Grünen nur wünschen, dass die große Koalition in naher Zukunft auseinanderbricht. Bis zum nächsten regulären Urnengang im Bund bleiben noch fast zwei Jahre Zeit. Und das erste ist arm an wahlpolitischen Höhepunkten. Lediglich im Stadtstaat Hamburg wird 2020 die Bürgerschaft neu bestimmt. Auch könnten es die Grünen mit immer radikaleren, sprich unrealistischen Klimaschutz-Forderungen ihrer Anhänger zu tun bekommen, gerade weil Schwarz-Rot hier so zahm geblieben ist. Widersteht die Partei dann diesem Druck? Ausgang offen.

Seit 2005 sind die Grünen gleich viermal in Folge als kleinste Kraft im Bundestag auf den harten Bänken der Opposition gelandet, obwohl es zwischenzeitlich völlig andere Wahlprognosen gab. So wie jetzt wieder. Der Wille, dieses Gesetz der Serie zu durchbrechen und wieder mitzuregieren, ist bei den Grünen übermächtig geworden. Zumindest darüber herrscht absolute Gewissheit.