Kommentar

Immer perverser

Dirk Lübke über das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und wie sich Militär und Kriegsführung verändert haben

Bäumer heißt der junge Mann. Er ist 19, hat sein Abitur in der Tasche, sein Leben vor sich – und zieht mit Begeisterung in den Krieg, aus dem ein Weltkrieg wird. Bäumers Freund Kemmerich wird schnell schwer verletzt, der Vorgesetzte Himmelstoß macht Bäumer das Leben zur Hölle. Die drei – stellvertretend für Millionen – stehen, liegen, sitzen, ruhen, zittern, beten, kämpfen, weinen Seite an Seite, beschrieben in „Im Westen nichts Neues“. Es ist das Anti-Kriegsbuch von Erich Maria Remarque, spielt an der deutsch-französischen Front und wird später – bis in die heutigen Tage – von so vielen Menschen mit Schaudern gelesen.

Am 11. November ist es 100 Jahre her, dass dieser Erste Weltkrieg endet. Fast alle Länder Europas sind in das vier Jahre währende Massen-Gemetzel mit 15 Millionen Toten verwickelt. Selbst Neuseeland, Kanada oder Neufundland gehören über Bündnisse zu den Kriegsbeteiligten.

Etwa 250 Kilometer von uns entfernt tobt die Schlacht von Verdun im Nordosten Frankreichs. Sie wird Symbol für tausendfaches Töten, Grabenkämpfe, Gasangriffe, Bodengewinne von wenigen Metern in vielen Monaten, zerfetzte Körper, verheizte Jugend.

Krieg ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Jahrtausendelang bekämpfen sich Menschen. Ob Erster Messenischer Krieg, Erster Heiliger Krieg, Perserkriege – schon vor Christi Geburt gibt es unendlich viele Schlachten um Macht, Einfluss, Lebensbedingungen.

Jeder Krieg, der heute auch gern verniedlichend Konflikt genannt wird, stellt die davon Betroffenen vor sehr schwierige, oft unlösbare Herausforderungen. Waffengewalt verletzt äußerlich und innerlich – tödlich oder für den Rest des Lebens. Krieg verursacht Flucht und Vertreibung, Verlust von Heimat, Verlust von Identität, Verlust von Stabilität. Der Erste Weltkrieg zeichnet die erste Pervertierung von Krieg. Es wird mit Gas gekämpft – mit Giftgas. Soldaten ersticken jämmerlich, der Feind schießt oder sticht nicht, er legt sich über sie und drückt die Luft zum Leben ab. Die Chemie verschafft sich Zugang auf die Schlachtfelder der Welt – und bleibt ein vernichtender Akteur.

Die Atombombenabwürfe der USA auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 sind dann eine weitere unfassbare Steigerung von Krieg – sozusagen die Pervertierung der Pervertierung. Mehrere Hunderttausend Menschen sterben schnell, weitere durch die Folgen von Verstrahlung später. Im 1955 beginnenden Vietnamkrieg setzen die USA Chemiewaffen ein und geben ihnen harmlos klingende Namen wie Agent Orange. In den 1990er Jahren kommt eine weitere Variante, die sich „Chirurgische Kriegsführung“ nennt. Der Einfallsreichtum von Militärs, Kriegseinsätze zu verharmlosen, ist groß. Wieder sind es die USA, die vorneweg marschieren und in der „Operation Wüstensturm“ im Jahr 1990 den „Chirurgischen Krieg“ führen – gegen den irakischen Despoten und Diktator Saddam Hussein. Bei dieser Angriffs-Form soll es angeblich so sein, dass chirurgisch-schmerzhafte Genauigkeit dazu führt, dass Zivilbevölkerung weniger betroffen und getroffen ist.

Heutzutage hat der Krieg zwei neue Formen entwickelt. Feinde stehen sich nicht mehr sichtbar gegenüber, die Front im klassischen Sinne verschwindet. Der Kampf ist asymmetrisch. Das ist der Krieg, den die Terrortruppe Islamischer Staat (IS) aus dem Verborgenen heraus führt. Zum anderen ist es der Cyberkrieg. Hier laufen Angriffe über das Internet mit hoch entwickelter Computertechnik – gegen Staaten, Ministerien, Firmen, Datenbanken. Und ein weiteres Feld ist längst eröffnet: Die Militärs, darunter auch die Bundeswehr, setzen immer mehr auf künstliche Intelligenz, also auf Roboter. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkreis lässt sich leider sagen: Was Menschen mit guten Absichten entwickeln, machen Militärs zu oft zur Waffe.