Kommentar

In der Falle

Wolfgang Mulke über die Entwicklung des Arbeitsmarkts

Der beste Schutz vor Armut ist Arbeit. Das war lange Zeit das Credo der Politik. Ein hoher Bildungsgrad sollte als Bollwerk gegen fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten wirken. Immer mehr Jugendliche streben das Abitur und eine Hochschulausbildung an. Zwar ist ein hoher Bildungsstand grundsätzlich gut für eine Gesellschaft. Doch mit Blick auf die Zielsetzung ist diese Entwicklung fatal. Denn im Gegensatz zu allen Prognosen vernichtet die Digitalisierung nicht die einfachen Tätigkeiten, sondern jene, für die eine gewisse Qualifikation vonnöten ist, wo Arbeit für die Betriebe relativ teuer ist.

Nun schlagen Branchen Alarm, in denen Arbeitsstellen angeboten werden, für die kein Bachelor oder Master vonnöten ist. Sie finden, wie nun die Transportbranche beklagt, nicht mehr ausreichend Bewerber. In der Pflege oder in Krankenhäusern sieht es bekanntlich nicht besser aus. All diese Berufe sind schwer, die Vergütung niedrig, das Image – etwa bei Lkw-Fahrern – schlecht.

Da Deutschland auf eine Vollbeschäftigung zuläuft, müssen sich die Arbeitgeber etwas einfallen lassen, wenn sie genügend gute Leute finden wollen. Ohne deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen wird dies nicht gelingen. Aber auch die Gesellschaft muss umdenken und den einfachen Tätigkeiten eine viel höhere Wertschätzung entgegenbringen. Sonst gerät das Land bald in eine Wohlstands-Falle: Alle haben Arbeit und Einkommen, aber niemand verrichtet die unbedingt notwendigen Arbeiten, vom Heizungsbau über den Transport der Waren bis hin zum Verkehr von Zügen und Bussen.