Kommentar

In der Mitte angekommen

Archivartikel

Walter Serif zum 40. Geburtstag der Grünen

Vor 40 Jahren wollten sie das Establishment das Fürchten lehren – heute gehören sie selbst dazu. Die Grünen sind mittlerweile eine „stinknormale Partei“ geworden, wie es CDU-Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ausdrückt. Das stimmt nicht ganz: Die Partei hat sich zwar von einer anfangs chaotischen Rebellen-Truppe zu einer politischen Kraft entwickelt, die viele Ecken und Kanten verloren hat. Im Kern sind sich die Grünen aber treu geblieben – als einzige Partei in Deutschland, die schon immer glaubwürdig für Umwelt- und Klimaschutz eintritt. Und das zahlt sich seit Greta Thunberg besonders aus.

Kein Wunder, dass der Mannheimer Demoskop Matthias Jung das maximal mögliche Potenzial der Grünen bei einer Bundestagswahl auf rund 30 Prozent einstuft. Selbst wenn sie das vielleicht nie voll ausschöpfen werden, ist die Partei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Grünen gehören zum modernen Lifestyle wie der Latte macchiato oder das schicke Smartphone.

Die Frage, wer den nächsten Kanzler stellt – die Grünen oder die Union –, entscheidet sich jedenfalls im bürgerlichen Lager. SPD, Linke und AfD bedienen nur noch die Ränder und haben ihre Rolle als Volkspartei verloren oder können sie erst gar nicht übernehmen. Und von der FDP redet außer Christian Lindner keiner mehr.

Populär: Baerbock und Habeck

Nach der langen Zeit in der Opposition (seit 2005) haben die Grünen keinen Bock mehr auf die schlechten Plätze im Parlament und gieren nach der Macht im Bund – in den meisten Landesregierungen sitzen sie ja schon. Ein wichtiger Grund für ihren Höhenflug ist das Tandem Annalena Baerbock und Robert Habeck. Beide haben Ausstrahlung, Habeck Charisma und Baerbock die Jugend auf ihrer Seite. Die Loblieder grenzen – verglichen mit der Vergangenheit, als Partei-Promis gequält wurden – fast schon an Personenkult.

Im Hamburger Biotop lässt sich gegenwärtig genau beobachten, mit welchen Mitteln die Grünen 2.0 alles versuchen, ihren Machtanspruch durchzusetzen. Die Kampagne ist sechs Wochen vor der Bürgerschaftswahl ganz auf Spitzenkandidatin Katharina Fegebank zugeschnitten. Viele Plakate zieren nur ihr Porträt. Und die Slogans sind inhaltstief wie Reklame: „Die Zeit ist jetzt“. Oder „Mehr Power für Frauen“. „Grün ist geil“ fehlt allerdings. In der aktuellen Umfrage liegen die Grünen gleichauf mit der SPD. Vor Monaten galt ein Sieg als unmöglich. Er wäre ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk.

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