Kommentar

Instinkt verloren

Archivartikel

Werner Kolhoff über Angela Merkels lange Amtszeit

Angela Merkel hat fast nie der Instinkt verlassen. Selbstkontrolle zu jeder Zeit ist ihre hervorstechendste politische Qualität. Und immer hat sie gewusst, was wichtig ist für ihre Macht: Partei, Fraktion und Koalition. All das waren Faktoren dafür, dass die jetzt 65-Jährige jetzt länger amtiert als Konrad Adenauer. Helmut Kohl hat den Regierungsrekord nur deshalb übertroffen, weil ihm Mauerfall und Wiedervereinigung einen zweiten Atem gaben.

Eines hat Merkel freilich so wenig geschafft wie ihre beiden großen CDU-Vorgänger: einen Abgang auf dem Höhepunkt des Schaffens. Acht, höchstens zwölf Jahre scheinen so etwas wie eine maximale natürliche Kanzler-Amtszeit zu sein. Danach setzt Überdruss ein. Ende 2016 wäre der Punkt gewesen zu sagen: Deutschland braucht eine neue Generation an der Spitze. Doch da verließ Merkel der Instinkt. Wie alle sich unentbehrlich Dünkenden dachte sie, sie müsse für ihre CDU noch einmal vier Jahre dranhängen. Doch unentbehrlich ist sie nicht. So wenig wie es Adenauer war, der am Ende regelrecht aus dem Amt getragen werden musste.

Es kommen nun zwei Jahre, in denen Merkel noch manches Mal darum wird kämpfen müssen, wenigstens in Würde abtreten zu können. Denn eine Wirkmacht hat sie nicht mehr. Man erinnere sich, wie sie einst mit entschlossen Entscheidungen den Atomausstieg bewirkte, die Aufnahme der Flüchtlinge, den Ausbau der Kinderbetreuung, die Abschaffung der Wehrpflicht, die Ehe für alle, den deutschen Beitrag zum internationalen Klimaschutz. Und vieles mehr. Zwei Jahre lang wird es für Deutschland und Merkel nun jedoch besser sein, solche Situationen und Entscheidungen stünden nicht wieder an. Denn die mit der Kanzlerschaft verbundene Richtlinienkompetenz hat derzeit keine Adresse mehr.

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