Kommentar

Jeder gegen jeden

Archivartikel

Werner Kolhoff beschreibt die gefährlichen Mechanismen der Nationalisten: Bewegungen verschiedener Länder stacheln sich gegenseitig auf

 

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das ist die Mär der Nationalisten, die den Menschen weiß machen wollen, ihre Politik nutze dem eigenen Volk. Gerade umgarnt US-Präsident Donald Trump damit seine Automobilarbeiter. „America first“, Amerika zuerst. So funktioniert es aber nicht in einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, die Staaten, die Wirtschaften, die Umwelt, der Frieden.

Ein Beispiel: Die Ungarn – und andere Osteuropäer – weigern sich kategorisch, irgendwelche Flüchtlinge aufzunehmen. Eigentlich ihr gutes Recht. Weil nun wegen dieser Haltung aber Italien (neben Griechenland) ganz allein auf dem Problem sitzen bleibt, erringen auch dort die Nationalisten Wahlerfolge. Die Lega bildet mit der Fünf-Sterne-Protestbewegung die italienische Regierung und verkündet munter, dass sie Geld drucken und Schulden machen will, da sie nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern gegen den Euro und Europa ist. Ganz besonders gegen Deutschland mit seinem Spardiktat.

Was natürlich sofort für die Nationalisten in Deutschland (und Frankreich und Holland) ein Grund sein wird, um nach der Stimmungsmache gegen Griechenland nun voll auf die Schuldenmacher in Rom zu zielen. Man sieht: Der Nationalismus in dem einen Land nährt bereits den Nationalismus in dem anderen.

Das Ganze bleibt freilich nicht folgenlos. Schon Trumps Nationalismus wird den deutschen Stahl- und Automobilarbeitern schaden. Ein Austritt Italiens aus der EU, erst recht der Frankreichs, würde die Exportnation Deutschland mächtig ins Wanken bringen. Deutschland braucht Europa, braucht Kompromisse im internationalen Geschäft. Rivalität und Abschottung sind für die deutsche Wirtschaft Gift. Eine mögliche künftige Massenarbeitslosigkeit in Deutschland ließe sich auch von den größten Volksverführern nicht mehr mit den syrischen Flüchtlingen erklären. In Wahrheit wäre der um sich greifende Nationalismus schuld.

Es gibt ein weiteres Problem: Je mehr Nationalisten in der Welt regieren, umso weniger Freunde bleiben jedem von ihnen. Es gibt keine nationalistische „Internationale“. Schon muss die AfD zum Beispiel gleichzeitig gegen Trump sein, weil der deutsche Autos besteuert, und gegen die italienischen Nationalisten, weil die den Euro schwächen. Aber auch gegen die britischen, weil ihr Brexit höhere deutsche EU-Ausgaben nach sich zieht, gegen die polnischen, weil sie keine russische Pipeline durch die Ostsee wollen, und gegen die türkischen um Präsident Erdogan, weil der auch noch unsere Nationalspieler vereinnahmt.

Im Moment hat die AfD nur noch Putin und Ungarns Orbán als Freunde. Den anderen nationalistischen Bewegungen geht es nicht viel anders. Im vollendeten weltweiten Nationalismus stehen lauter Regierungen gegeneinander, die alle „wir zuerst“ rufen und aufeinander keine Rücksicht mehr nehmen. Dann bleibt wohl nur, die Sache auszuschießen.

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