Kommentar

Jeder kann helfen

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Die wenigsten Analphabeten suchen von sich aus Hilfe. Sie schämen sich – oder können Angebote zu Fortbildungen schlichtweg nicht lesen. Deshalb sind sie auf Unterstützung angewiesen. Von Menschen, die ihnen nahe stehen: Familienmitglieder oder Vereinskollegen könnten Betroffenen ganz nebenbei von Angeboten der Abendakademie erzählen, auch beiläufig, in großer Runde.

Doch zuerst müssen Analphabeten erkannt werden: Experten schätzen, dass es in Mannheim 30 000 Betroffene gibt. Im Vergleich zu anderen Städten eine überdurchschnittliche Zahl, die laut Abendakademie auf die Sozialstruktur in der Stadt zurückzuführen ist. Die Dunkelziffer könnte noch höher liegen. Ein Grundbildungszentrum in Mannheim ist deshalb richtig. Es hilft nicht nur Analphabeten, sondern schult auch Kursleiter oder Firmen und Privatpersonen im Umgang mit Betroffenen.

Ein weiterer guter Grund für Hilfe vor Ort: Obwohl die Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland von 7,5 Millionen (im Jahr 2011) auf 6,2 Millionen (2018) gesunken ist, haben 76 Prozent der Betroffenen einen Schulabschluss, größtenteils von der Hauptschule. Doch auch Abitur hat rund jeder Sechste. Wie ist das möglich? Dank eines ausgeklügelten Systems, mit dem Betroffene ihre Defizite verstecken. Der „Gipsarm to go“, der dann ausgepackt wird, wenn Dokumente ausgefüllt werden müssen, ist nur ein Beispiel. Doch auch mit Abschluss hört das Versteckspiel ein Leben lang nicht auf. In Zeiten der Digitalisierung birgt das die größte Gefahr: Zwar klappt die Kommunikation in den sozialen Medien mittels Sprachnachricht bestens, doch sie endet, wenn Texte eingegeben werden müssen. Analphabeten können dann nur schwer am Alltag teilhaben. Schlimmstenfalls werden sie ganz abgehängt: Wenn beispielsweise der Ticketkauf in Bus oder Bahn digitalisiert und in eine App ausgelagert wird.

Bis 2026 steckt das Bundesbildungsministerium 180 Millionen Euro in die „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“. Doch unabhängig davon ist jeder gefragt, auf sein Umfeld zu achten – mit offenen Augen und Fingerspitzengefühl.

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