Kommentar

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Archivartikel

Martin Geiger ist der Meinung, dass die Verkehrswende kommen muss – weil sie im Interesse aller ist

Frage: Ein Auto rast auf eine Wand zu. Wie sollte der Fahrer reagieren? Die Augen schließen und hoffen, dass alles gut geht? Oder bremsen und umkehren?

Niemand kann beim Klimaschutz sagen, wie weit diese Wand noch entfernt ist. Fest steht aber: Sie ist da. Und mit jedem gefahrenen Kilometer kommen wir ihr etwas näher. Selbst wenn man die Debatte um die Stickoxide, über deren Schädlichkeit zurzeit die Mediziner streiten, einmal ausblendet. Jedes traditionelle Auto stößt Kohlenstoffdioxid (CO2) aus. Und dieses zerstört nachweislich unsere Erde. Also uns. Darum ist der Umstieg auf eine klimaschonende Mobilität der einzige Weg, um unseren Kindern und Enkeln weiterhin in die Augen schauen zu können.

Auf diesem Weg ist bislang aber zu wenig geschehen. Zwar gibt es immer wieder Pilotprojekte, die mit großem Tamtam präsentiert werden. Der Alltag ist jedoch ein anderer. Da gibt es in Deutschland 73 398 reine Elektroautos – und 46,3 Millionen mit Benzin- oder Diesel-Motor. Das ist ernüchternd. Das ist bedrückend. Das ist verheerend. Und es ist nur zu verändern, wenn alle umdenken.

Gefordert ist dabei jeder Einzelne. Es reicht nicht, nur auf Autobauer oder Politik zu schimpfen. Jeder sollte sich fragen: Muss es ein SUV mit großem Verbrauch sein, nur weil die Sitze höher sind und er so schick aussieht? Muss es immer das Auto sein, oder tut’s nicht auch mal das Rad, die Straßenbahn, ein Fußmarsch? Der beste Verkehr ist der, den wir vermeiden!

Gefordert sind aber auch die Hersteller. Gerade die deutschen hinken bei diesem weltweiten Rennen hinterher. Wer sich die Liste der förderfähigen E-Autos anschaut, liest vor allem Citroën, Hyundai, Kia, Nissan, Peugeot, Renault.

Wo sind die deutschen Autobauer, die ihrem Selbstverständnis nach doch die besten der Welt sein wollen? Sie müssen viel mehr investieren und attraktive Modelle anbieten. Sonst werden Daimler, BMW und VW schon in wenigen Jahren von Elektroautos aus China und selbstfahrenden aus den USA links überholt.

Gefordert ist vor allen Dingen aber die Politik. Sie hat lange, viel zu lange, ihre schützende Hand über die Hersteller gehalten. Jetzt muss sie die Weichen so stellen, dass der Klimaschutz auch im Straßenverkehr endlich Vorfahrt hat. Dazu gehört eine wirksame CO2-Besteuerung, die alternative Antriebe auch wirtschaftlich konkurrenzfähig macht. Dazu gehört eine große Informationskampagne, die über die Vor- und Nachteile dieser Fahrzeuge aufklärt. Und dazu gehört natürlich der schnelle Ausbau der notwendigen Netze und Ladeinfrastruktur. Denn wer kauft sich schon ein Auto, wenn er nicht weiß, wo er es laden kann?

Klar, das alles kostet Geld, viel Geld sogar. Aber es ist gut investiert. Denn es geht um die Zukunft eines der bedeutendsten Industriezweige des Landes. Es geht um die Gesundheit aller – und darum, dass wir nicht eines Tages gegen die Wand fahren.