Kommentar

Jung und laut

Archivartikel

Werner Kolhoff zum Youtube-Video gegen die CDU: Die etablierten Parteien verstehen solche Protestformen nicht – das ist mehr als schade

Es ist faszinierend, wie leicht sich Politiker von jungen Leuten aus dem Tritt bringen lassen, sobald der Protest Formen annimmt, die sie nicht kennen. FDP-Chef Christian Lindner empfahl Greta Thunbergs „Fridays for Future“-Bewegung, lieber „Profis“ an den Klimaschutz zu lassen. Und zeigte damit, wie alt er ist.

Die CDU drehte als Antwort auf die Wutrede des Youtubers Rezo zunächst ein Gegenvideo mit einem Hinterbänkler, bis sie merkte, dass das wohl nicht die richtige Antwort auf fünf Millionen Klicks ist. Dann sagte Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer ebenso belustigt wie beleidigt, nun sei die Union wohl auch noch für die sieben biblischen Plagen verantwortlich.

Hier leben zwei Welten aneinander vorbei. Dass es eine Kluft zwischen der Politik und der Jugend gibt, auch in den Artikulationsformen, ist nicht neu. Die Schüler- und Studentenbewegung wollte mehr Demokratie im verkrusteten Nachkriegsdeutschland durchsetzen. Die Friedens- und Anti-Atom-Bewegung ging aus Angst vor der nuklearen Bedrohung auf die Straße. Beide durchbrachen damals Regeln, aber sie erreichten Veränderungen.

Rezo wie Greta Thunberg verlangen nun von der Politik das, was sie am häufigsten verspricht und am seltensten schafft: Nachhaltigkeit. Die Parteien reden von „Zukunft“, blicken in der Praxis aber nur von Wahl zu Wahl. Deshalb haben sie bei der Jugend ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wer heute 20 ist, hat noch 60 oder gar 80 Jahre zu leben, das ist eine andere Perspektive. Würde die etablierte Politik die Sorgen der Jugend gleich stark empfinden und nicht nur so tun, wären ihre Entscheidungen vielleicht, ihre Debatten ganz sicher anders.

Das Video ist kein objektiver, journalistischer Beitrag, es ist eine teilweise mit ausgesuchten und einseitigen Fakten untermauerte Anklage. Rezo will zeigen, wie sehr die CDU beim Klimaschutz, bei der sozialen Gerechtigkeit und in einigen anderen Bereichen das Prinzip der Nachhaltigkeit verletzt hat – und auch die eigenen Beschlüsse. Dass die Resonanz darauf so groß ist, ist auch ein Kommentar zu 13 Jahren Merkel-Politik.

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