Kommentar

Kaesers Wendepunkt

Wolfgang Mulke zu der Entscheidung von Siemens

Siemens-Chef Joe Kaeser stand vor einem Wendepunkt im Verhältnis zwischen Bürgern, Unternehmen und Politik. Er musste entscheiden, ob er sich dem Druck von Klimaschützern beugt und damit auf ein Geschäft verzichtet – und blieb standhaft. Damit muss sich Siemens eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit vorwerfen lassen. Denn der Konzern erklärt die klimaneutrale Produktion zum Ziel. Mit der Kohleindustrie zusammenzuarbeiten, lässt es unglaubwürdig erscheinen. Auf der anderen Seite wäre Siemens sonst womöglich unglaubwürdig für potenzielle Geschäftspartner geworden.

Kaesers Angebot, eine Klimaschützerin in den Aufsichtsrat der Energiesparte aufzunehmen, war klug. Denn dort hätte sie die Unternehmenspolitik mitgestalten können. Das ist schwieriger, als nur Maximalforderungen zu stellen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Das hätte ein gutes Vorbild im Umgang mit unterschiedlichen Interessen werden können.

Einen Wendepunkt markiert der Konflikt auf jeden Fall, weil eine wesentliche gesellschaftliche Frage nicht zwischen Parteien oder im Parlament diskutiert worden ist, sondern direkt zwischen einer Lobby und einem Unternehmen: Was bedeutet Klimaschutz in der Praxis? Das ist einerseits erfreulich, weil es dem Eindruck entgegensteht, dass Entscheidungen von Politikern vor allem aus dem Interesse am Machterhalt fallen. Andererseits verschieben sich damit Einflussmöglichkeiten auf kommunikationsstarke Gruppen. Wenn Politik oder Unternehmen immer den Lautesten folgen, kann es auch keine guten Ergebnisse geben.

 
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