Kommentar

Kalte Schulter zeigen

Archivartikel

Jan Kotulla zur völlig verpatzten Leichtathletik-WM

Genug ist genug. Lange, für einige zu lange, haben sich die Aktiven mit ihrer Kritik an der Vergabe von Großveranstaltungen zurückgehalten. Angesichts der immensen Probleme bei der Leichtathletik-WM platzt jetzt aber etlichen Sportlerinnen und Sportlern der Kragen. Und das völlig zu Recht. Der Weltverband hat sich aus Profitgründen verkauft, statt sich seiner Fürsorgepflicht gegenüber denjenigen bewusst zu sein, die er vertritt.

Angefangen wegen der im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlichen klimatischen Bedingungen fliegt den Verantwortlichen diese WM förmlich um die Ohren. Völlig verausgabte Sportler gehören zu Titelkämpfen dazu. Derart viele kollabierte Athleten sind jedoch ein Novum. Hinzu kommt die fehlende Menschlichkeit des Verbandes. Nachdem 5000-Meter-Läufer Jonathan Busby fast auf der Bahn zusammengebrochen wäre, half ihm Kontrahent Braima Suncar Dabo über die Ziellinie – fünf Minuten nach dem Sieger. Der Weltrekord war also nicht in Gefahr, dennoch wurde Busby disqualifiziert – weil er fremde Hilfe in Anspruch genommen hat. Immerhin wird dieses Foto – dieses Sinnbild von Fairness in der Hitze – künftig mit der WM in Doha gleichsetzt werden.

Auf keinen Fall aber Aufnahmen von fröhlich feiernden Fans aus vielen Nationen. Schlicht, weil es die nicht gibt. Weltmeisterliche Atmosphäre? Wie soll die in einem Stadion aufkommen, in dem bereits vorab die Hälfte der Plätze abgehängt wurde. Wenn, dann sorgen Gastarbeiter, die mit Freikarten gelockt wurden, für ein Fünkchen Leben im meist verwaisten Oval.

Vorbild Leichtathletik-Fans

Technische Raffinessen wie die Projektionen auf der Laufbahn vor den Wettkämpfen sind schön anzusehen. Doch nicht jede Spielerei ist sinnvoll. Die Idee, Kameras in Startblöcke einzubauen, ist eine Unverschämtheit oder netter formuliert eine Schnapsidee.

Apropos – während der Alkohol bei den Leichathleten eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte, können die Fußball-Fans für die WM 2022 in Katar schon mal anfangen zu sparen. Oder – noch besser – in drei Jahren ganz zu Hause bleiben. Die Leichtathletik-Anhänger haben es ja schon vorgemacht.

Falls ein Boykott die hohen Herren von der FIFA immer noch nicht beeindruckt, bliebe der Griff zur Fernbedienung. Spätestens wenn die Einschaltquoten beziehungsweise Werbeumsätze in den Keller rauschen, weil keiner diesen Kommerzklüngel mehr anschauen will, sollte es Klick machen. Die Fridays-for-future-Bewegung hat es gezeigt: Irgendjemand muss den Anfang machen – aber jeder einzelne kann seinen Beitrag dazu leisten, etwas zu verändern.

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