Kommentar

Kein „aus Versehen“

Archivartikel

Hagen Strauß findet, dass gegen Kindesmissbrauch noch nicht genug getan wird. Auch mit Blick auf die Prävention und die Fähigkeit der Behörden

Union und SPD müssen jetzt gehörig aufpassen, dass ihr Streit über schärfere Strafen für Kindesmissbrauch nicht zur reinen Schaufensterdebatte verkommt, bei der es lediglich um populistische Profilierung geht. Das wäre fatal. Schlagzeilen allein in den dicken Buchstaben des Boulevards werden der Sache nicht gerecht. Die Taten sind monströs, unfassbar. Jedes Opfer ist eins zu viel. Und jedes Opfer wird sein Leben lang darunter leiden, was ihm angetan wurde.

Das muss man unbedingt im Hinterkopf behalten, wenn man dem Kindesmissbrauch nun politisch stärker den Kampf ansagt. Wieder einmal übrigens. Denn die Debatte über härtere Strafen kommt stets dann auf, wenn Taten die Republik erschüttern, Netzwerke aufgedeckt und Täter dingfest gemacht wurden. Bei Kinderpornografie gibt es kein „aus Versehen“. Und es geht nicht nur um diejenigen, die die Kinder selbst sexuell missbrauchen. Sondern genauso um die, die als „Auftraggeber“ am Computer sitzen und das kinderpornografische Material konsumieren. In den sozialen Netzwerken, im Internet und speziell dem Darknet tummeln sich laut Behörden immer mehr davon.

Die Union hat daher recht: Die digitale Welt sorgt für die Verfügbarkeit von allen Übeln zu jederzeit. Wer da noch den Missbrauch als Vergehen und somit wie einen schnöden Ladendiebstahl einstuft, verkennt die Dramatik des Problems. Zwar wurden die Gesetze in den letzten Jahren verschärft. Aber die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist trotzdem größer geworden. Das belegt, dass gegen den Missbrauch noch nicht genug getan wird. Auch mit Blick auf die Prävention und die Fähigkeiten der Behörden.

Wenn Ministerin Lambrecht daher jetzt einschwenkt und zugleich zu einem Dialog einlädt, dann ist das richtig, um die Defizite herauszuarbeiten. Aber danach muss erneut gehandelt werden.

 
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