Kommentar

Keine Zeit verlieren

Archivartikel

Werner Kolhoff über die Lage der Wirtschaft

Es ist nicht wirklich eine gute Nachricht, dass die zurückliegende Schwächephase der Wirtschaft so ganz knapp keine Rezession war. Erstens: Was nicht ist, kann noch werden. Und zweitens verführt die gute Nachricht enorm dazu, sich zurückzulehnen. Das sollte zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie nicht tun, der gerade die Felle davonschwimmen. Wie auch der Windkraftbranche, die aufgrund falscher Politik derzeit regelrecht zerstört wird. Die gesamte IT-basierte Wirtschaft hat es mit anhaltenden Netzversorgungslücken zu tun. Und der deutschen Infrastruktur fehlt es an Ingenieuren. Auch die Exportwirtschaft kann sich nicht zurücklehnen, denn der Brexit kommt, und Trump ist (noch) nicht weg, damit auch nicht das Risiko von Handelskriegen.

Das Beste, was man über die Lage der deutschen Wirtschaft behaupten kann, ist: nicht Fisch, nicht Fleisch. Sie ist noch ziemlich gut, aber das Miniwachstum wird schon jetzt nicht mehr von der Produktion, sondern vom Konsum getrieben. Vor allem ist sie nicht gut gerüstet. Das ist sicher keine Situation, um Konjunkturprogramme aufzulegen. Es ist aber eine Situation, um strukturelle Probleme anzugehen. In Bildung und Forschung. Bei der Verschlankung der Bürokratie. Und bei der Beschleunigung von Bauverfahren. Eigentlich bedeutet die Nachricht „Knapp keine Rezession“ nur: jetzt keine Zeit mehr verlieren.