Kommentar

Kleine Risse

Archivartikel

Inna Hartwich ist der Ansicht, dass der neue Präsident in Kasachstan die Jugend längst verprellt hat

Die Transformation Kasachstans hatte begonnen, als plötzlich der ging, unter dem manche im Land ihr bisheriges Leben verbracht hatten: Nursultan Nasarbajew, der langjährige Herrscher sowjetischer Schule, hatte vor drei Monaten überraschend seinen Rückzug verkündet. Für die Jugend, die keinen anderen Präsidenten kannte, schien das der Moment für Veränderungen. Die jungen Männer und Frauen organisierten sich, sie gingen auf die Straße, manche verbüßten Arreststrafen. Es waren kleine Erschütterungen eines derart auf eine Person zugeschnittenen politischen Systems.

Wie hartnäckig das autoritäre Nasarbajew-Regime ist, zeigte sich nun auch mit dem neuen Präsidenten des Landes, Kassym-Schomart Tokajew. Der von Nasarbajew bestimmte Nachfolger, ein dem Nasarbajew-Clan absolut ergebener einstiger Diplomat, ehemaliger Ministerpräsident, Außenminister und Senatspräsident, bekam bei der Wahl 70,76 Prozent der Stimmen. Nasarbajew hatte vor vier Jahren noch mit Werten von 97 Prozent geglänzt.

Tokajew, der in seinen Reden stets von „Chancen für die Jugend“ spricht, hat diese Jugend längst verprellt und in der ersten Amtshandlung, noch als Übergangspräsident, die Hauptstadt Astana in Nur-Sultan umbenennen lassen – zu Ehren seines Förderers. Die Jugend grollt und formiert sich im Untergrund. Die lediglich rund 71 Prozent für Tokajew zeigen kleine Risse im starren Nasarbajew-System.