Kommentar

Klug statt brachial

Archivartikel

Hagen Strauß empfiehlt, im Kampf gegen die Klimakrise überhaupt erst mal die Voraussetzungen für umweltfreundliches Verhalten zu schaffen

Plastiktüten schaden der Umwelt – also verbieten, sagt CSU-Chef Markus Söder. Das Fleischessen ist klimaschädlich, das Fliegen sowieso. Verbieten geht nicht, also muss speziell Letzteres deutlich teurer werden. Das fordern fast alle Parteien. Teile der Politik scheinen sich wegen der Klimakrise in einem regelrechten Verbots- und Erziehungsrausch zu befinden. Und mancher in den Medien schwadroniert quasi selbstkasteiend bei dieser Offensive munter mit. Getrieben von der „Fridays for Future“-Bewegung, die jetzt in Dortmund wieder mobil gemacht hat.

Nur gut, dass die Deutschen vernünftig bleiben. Das legt zumindest die neue Umfrage des „Deutschlandtrends“ nahe, wonach die Mehrheit der Bürger von Verboten nichts wissen will, sondern auf Anreize setzt, um klimafreundliches Verhalten zu fördern. Daraus spricht eine geballte Mündigkeit, die den Menschen zu oft von Oberlehrern und Besserwissern abgesprochen wird. Selbstverständlich ist es die Aufgabe des Staates und der Politik, Regeln, Gesetze und Leitplanken vorzugeben, damit das Zusammenleben funktioniert. Aber der derzeit so laute Ruf nach Verboten hat etwas von Umerziehung um jeden Preis.

Wie wäre es stattdessen mit mehr Vertrauen in die Bürger? Die Verantwortung für eine bessere Zukunft liegt immer noch bei jedem Einzelnen, Eigenverantwortung gehört zum Selbstverständnis einer liberalen und offenen Gesellschaft. Bevormundung aber sicherlich nicht. Deshalb: Anreize ja, immer neue Verbote nein. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob er sich ändern muss oder will, um daraus Vorteile zu ziehen.

Die Klimadebatte der letzten Monate ist jedenfalls nicht ohne Einsichten geblieben. Die Zusammenhänge von eigenem Verhalten und Klimaschutz sind vielen Menschen bewusster geworden. Es ist daher die Aufgabe der Politik, die neu erwachte Veränderungsbereitschaft klug zu unterstützen. Und nicht brachial.

Dafür müssen aber auch bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. So wird das Fahrrad oder der öffentliche Nahverkehr nur dann als vertretbare Alternative zum Auto angesehen werden, wenn ein gutes Radwegenetz und passable Bus- und Bahnverbindungen vorhanden sind. Wer Bahntickets billiger machen will, um den Zug gegenüber dem Flugzeug zu stärken, muss zugleich dafür sorgen, dass die Bahn auch mehr Kunden vertragen und eine bessere Leistung erbringen kann.