Kommentar

Koalition der Wut

Archivartikel

Birgit Holzer zur Eskalation der Proteste

Paris und – in etwas weniger spektakulärer Form – auch andere französische Städte haben am Wochenende ein erschütterndes Ausmaß an Gewalt und Anarchie erlebt. Polizisten wurden angegriffen, die die Attacken brutal erwiderten, Autos angezündet, Vitrinen zerschmettert, Läden geplündert. Die Bilanz von drei Aktions-Wochenenden der „Gelben Westen“ in Folge beläuft sich auf drei Tote und hunderte Verletzte.

Was als Volksprotest gegen steigende Steuern auf Kraftstoff begann und bald zu einer allgemeineren Widerstandsbewegung gegen die Regierung mit sehr diversen Forderungen wurde, hat sich inzwischen zu einer schwer kontrollierbaren Koalition der Wut ausgewachsen. Auch der Zerstörungswut. So berechtigt die Klagen vieler Franzosen sind und so legitim ihre Kritik an der Politik der Regierung erscheint, die die sozialen und gesellschaftlichen Spaltungen vergrößert statt ausgleicht – die Gewalt-Szenen sind durch nichts zu rechtfertigen. Sie gehen überwiegend auf das Konto einer randalierenden Minderheit und bezeugen ein erschreckendes Klima der Tabulosigkeit und Gewaltbereitschaft.

Die Ursachen dafür liegen nicht in der Wahl Emmanuel Macrons im Mai 2017 begründet, sie reichen länger zurück. Gewaltexplosionen auf der Straße hat Frankreich mehrmals in den vergangenen Jahren erlebt. Aber auch Macron gelang bisher nicht, woran schon seine Vorgänger gescheitert waren: den Menschen wieder Vertrauen in die Zukunft und die Politik zu geben und ihnen die Abstiegsangst zu nehmen. Während die einen – wenigen – noch immer über die Auftritte des smarten Präsidenten jubeln, fühlen sich die meisten anderen durch seine hochtrabenden Reden abgestoßen, nicht verstanden. Das Band zwischen ihm und einer Mehrheit der Menschen erscheint durchtrennt.

Weil keine andere Partei und keine Gewerkschaft derzeit ein überzeugendes Alternativ-Projekt präsentiert, verlagert sich der Widerstand in unorganisierter Weise auf die Straße. Zu eilig ist Macron vorangeschritten, ohne seine Reformvorhaben ausreichend zu erklären. Es ist höchste Zeit für mehr Dialog.