Kommentar

Kohle statt Werte

Alexander Müller zur Entscheidung im Fall Tönnies

Die Zeiten, in denen der deutsche Fußball konsequent Kante gegen Rassismus zeigte, liegen noch nicht lange zurück. Bundestrainer Joachim Löw verteidigte Jérôme Boateng gegen den Spruch vom AfD-Gauland, niemand wolle so jemanden wie den als Nachbarn haben. Die Nationalmannschaft, in der neben Thomas Müller auch Migrantenkinder wie Boateng, Sami Khedira oder Mesut Özil geräuschlos ihren Dienst verrichteten, galt als Musterbeispiel für die integrative Kraft des Sports. Dem DFB und den meisten Vereinen konnte man die Kampagnen gegen Rassismus und Extremismus guten Gewissens abnehmen.

Seitdem ist viel passiert – allerdings wenig Gutes, wenn es um den Kampf für Toleranz im Fußball geht. Den vorläufigen Tiefpunkt der Entwicklung markiert die Entscheidung des Ehrenrats beim FC Schalke 04, Aufsichtsratschef Clemens Tönnies nach einer dreimonatigen Pause im Amt zu belassen. Die Erklärung dafür ist so wachsweich und absurd, dass es wehtut.

Der Ehrenrat hält den Vorwurf des Rassismus gegen Tönnies also für „unbegründet“. Dabei hat der Aufsichtsratschef in seiner Rede vor ostwestfälischen Unternehmerfreunden auf die plumpeste Art über angebliche Rassemerkmale gewitzelt und einen unzweideutigen Einblick in seine Gedankenwelt erlaubt. Tenor: Afrikaner sind schuld an der Erderwärmung und machen im Dunkeln viel zu viele Kinder. Das ist nichts anderes als widerlicher Rassismus, der zwingend den Rücktritt zur Folge hätte haben müssen.

Ermutigung für Ewiggestrige

Doch Schalke hängt eben wirtschaftlich auch von den Zuwendungen des schweinereichen Fleischfabrikanten ab. Nur so ist der seltsame Kompromiss erklärbar, nach dem Tönnies nach einer Übergangsphase wieder auf seinen Posten zurückkehren kann. Dann soll wohl Gras über die Sache gewachsen sein. Die Kohle ist wichtiger als die Werte des Vereins.

Der Multikulti-Verein Schalke hat sich damit lächerlich gemacht, er gibt ein armseliges Bild ab. Aber das viel größere Problem ist: Die Causa Tönnies dürfte leider auch die Ewiggestrigen auf den Tribünen dazu ermutigen, künftig wieder das auszusprechen, was lange als unsagbar galt. Der faule Kompromiss ist ein schwerer Rückschlag für alle, die es ernst meinen mit dem Kampf gegen Rassismus.

Konsequenz in Chemnitz

Wer hätte gedacht, dass der Chemnitzer FC einmal härter gegen derlei Umtriebe durchgreift als Schalke 04? Beim sächsischen Drittligisten mit Neonazi-Problem haben sie in dieser Woche Publikumsliebling und Top-Stürmer Daniel Frahn suspendiert, weil der sich beim Auswärtsspiel in Halle mit einschlägig bekannten rechten Fans zeigte. „Er konnte und wollte die Verantwortung als Spieler und Mannschaftskapitän im Fußballclub nicht umsetzen, denn dazu gehört eines mehr, als nur Tore zu schießen und sich bejubeln zu lassen: Haltung“, begründete der Club den Rauswurf. Das ist eine bemerkenswerte Konsequenz, die man auch dem Schalker Ehrenrat gewünscht hätte.

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