Kommentar

Kohleausstieg: Abschalten? Ja, aber nicht sofort

Archivartikel

Ach, wie süß. Das war, auch wenn es im Nachhinein peinlich ist, mein Gedanke beim ersten Anblick einer „Fridays for Future“-Demonstration. Inzwischen ist er längst verdrängt von einem anderen Gedanken: Wow! Die Schüler haben Deutschland aus einem langen, tiefen Klimaschlaf geweckt. Seit Monaten beherrscht das Thema die Agenda. Mit Folgen, die sich in Wahlprognosen, -ergebnissen und politischen Initiativen ablesen lassen. Damit hat die Bewegung schon mehr erreicht, als ihr die meisten je zugetraut hätten. Und wenn ihre Initiatorin Greta Thunberg, und damit praktisch alle Demonstranten, demnächst den Friedensnobelpreis verliehen bekommen sollte, wäre das nicht die schlechteste Wahl. Trotzdem geht ihre Forderung, die deutschen Kohlekraftwerke bis 2030 abzuschalten, zu weit.

Elf Jahre mögen im Leben von jungen Menschen wie eine Ewigkeit erscheinen. In der Energiebranche ist es übermorgen. Nur als Beispiel: Beim Block 9 des Grosskraftwerks Mannheim hat es von der Planung bis zur Inbetriebnahme neun Jahre gedauert.

Sicherheit vor Schnelligkeit

Die Energiewende ist notwendig, keine Frage. Aber sie ist auch eine komplizierte Angelegenheit, die oft zitierte Operation am offenen Herzen. Und wenn man bedenkt, welche Bedeutung Strom und Wärme für das Industrieland Deutschland haben, stimmt das Bild ausnahmsweise sogar einmal. Darum muss Versorgungssicherheit Vorrang haben vor Schnelligkeit. Zumal sich die Fachleute zurzeit nicht mal sicher sind, dass es bis 2030 gelingt, 65 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu erzeugen.

Die Kohlekommission hat mit dem Ende 2038 einen gangbaren Weg für den Ausstieg aufgezeigt. Der den CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke übrigens bis 2030 auf ein Drittel reduziert. Und die Option eines Endes 2035 offenhält. Klar, das ist ein Kompromiss, mit Vor- und Nachteilen. Aber genau das ist seine Stärke.

Denn die Energiewende kann nur gelingen, wenn sie von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Wenn Klimaschutz nicht der alleinige Maßstab ist, sondern versöhnt wird mit anderen legitimen Interessen wie Wirtschaftlichkeit und sozialem Ausgleich. Das ist für die GKM-Beschäftigten wichtig, noch wichtiger aber für die Kohlereviere im Osten und Westen.

Nicht falsch verstehen: Deutschland soll Vorreiter beim Klimaschutz sein. Aber das wird es nur durch besonnenes, vernünftiges Handeln. Sonst kann aus dem Vorreiter schnell ein abschreckendes Beispiel werden.

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