Kommentar

Kommentar zur Kanzlerin bestürzt

Herr Serif, Ihr Kommentar über die zu forsche Kanzlerin hat mich schwer bestürzt und als langjährige Abonnentin nun erstmals zu einem Leserbrief veranlasst. Frau Merkel ist durch ihre Qualifikation als Naturwissenschaftlerin im Gegensatz zu vielen Ländervertretern und anderen politisch Verantwortlichen offensichtlich imstande, die Folgen von zu weitgehenden Öffnungen zu überblicken. Das heißt, sollten sich durch die jüngsten Maßnahmen die Infiziertenzahlen deutlich nach oben bewegen, wird das erst zu einem Zeitpunkt sichtbar, wenn es für eine Korrektur ohne schmerzhafte Verluste zu spät sein wird.

Daher bewegen wir uns alle aktuell – symbolisch gesehen – gerade nicht auf einem hügeligen Wanderrundweg, bei dem man, einmal falsch abgebogen, den Fehler an der nächsten Weggabelung durch ein etwas steileres Stück Weg wieder ausgleichen kann, sondern eher auf einem alpinen Saumpfad direkt neben einem tiefen Abgrund.

Wer den Expertenrat schätzt, kann sich vielleicht auch mal die in die gleiche Richtung wie die der Bundeskanzlerin gehenden Bedenken unseres leider in den letzten Tagen nicht mehr ganz so vielzitierten Top-Virologen Herrn Drosten zu Gemüte führen: „Wir verspielen das Erreichte durch eine wörtliche Auslegung der Lockerungen! Das von Ihnen geforderte Korrektiv des Föderalismus ist hingegen entworfen für Situationen, die eine ,Trial and Error’-Herangehensweise erlauben.“

Das ist in der aktuellen Situation sicher nicht der Fall. Daher wäre eine möglichst wortgetreue Umsetzung der gemeinsam beschlossenen Regeln für alle Länder hier das Mittel der Wahl gewesen. Auch um das Verständnis und das Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten beziehungsweise wieder zu erlangen. Wenn Sie feststellen, dass den Länderchefs verantwortungsloses Verhalten unterstellt wird, so würde ich das nicht auf Herrn Kretschmann, sondern primär auf die Länderchefs gemünzt sehen, die ohne Druck durch die Gerichte die Vorgaben extrem weit ausgelegt haben, allen voran ein Anwärter auf die Rolle des Parteivorsitzenden der CDU, der sich zusätzlich noch gegen den zweiten Ministerpräsidenten mit Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien profilieren muss.

Vertrauen in Bürger

Meine Einschätzung ist dazu: Vorsicht ist das Gebot der Stunde, nicht Wahlkampf auf Kosten von Menschenleben. Die gemeinsam beschlossenen Öffnungsmaßnahmen, die naturgemäß wie alle Entscheidungen der letzten Wochen schnell formuliert und verabschiedet werden mussten, nun seitens der Gerichte im Detail zu prüfen, ist natürlich die Aufgabe dieser Institutionen. Dass sie dabei aus der Sicht der Kanzlerin ebenfalls zu forsch sind, kann ich als Schlussfolgerung jedoch wiederum nicht nachvollziehen.

Denn die Grundlage ihrer Prüfung kann, anders als bei der Exekutive, nicht der gesunde Menschenverstand sein, sondern das gesetzliche Regelwerk. Daher müssen sie ein entsprechendes Urteil fällen, idealerweise ohne Berücksichtigung der eigenen Meinung zum Ergebnis.

Was das Parteibuch der beteiligten Personen angeht, so kann ich feststellen, dass weder Frau Merkel noch Herr Kretschmann meiner Partei angehören und dass ich noch vor ein paar Monaten nicht geglaubt hätte, dass ich jemals einen Leserbrief zur Verteidigung von ihnen sowie Herrn Söder schreiben würde.

Trotzdem möchte ich feststellen: Die in den vergangenen Wochen beschlossenen Maßnahmen waren angesichts der Bedrohung für uns alle erstaunlich wenig von Polizei und Bußgeldern geprägt und ich möchte mich daher explizit für das in mich als Bürgerin gesetzte Vertrauen bedanken. Auch dieses Vertrauen in mich als mündige Bürgerin hat mich auch ermutigt, Ihren Kommentar entsprechend zu beantworten und zu fordern: Lasst uns gemeinsam weiter geduldig sein. Claudia Konrad, Edingen-Neckarhausen

Originalartikel unter https://bit.ly/3aQidbE