Kommentar

Konservative stürzen ab

Nun also auch Kolumbien: Der nächste lateinamerikanische Unruheherd beginnt zu zündeln. Und der konservative Präsident Ivan Duque reagiert wie seine mit ihm verbündeten ideologischen Amtskollegen zuvor in Chile oder Ecuador. Schuld seien ausländische Extremisten, die die Proteste unterwandern und steuern würden. Wahrscheinlich ist an dieser These sogar etwas dran, angesichts der orchestrierten Gewalt am Ende eines von einer breiten Zivilgesellschaft getragenen überwiegend friedlichen Protestes. Doch die Probleme liegen viel tiefer.

Ähnlich wie der sogenannte „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, der sich in vielen lateinamerikanischen Ländern nur noch mit brutaler Repression an der Macht halten kann, fehlen auch dem lateinamerikanischen Konservatismus die Antworten auf die drängenden Fragen in der Sozial-, Umwelt- und (innere) Sicherheitspolitik. Es ist deswegen kein Wunder, warum sowohl in links als auch rechtsregierten Ländern die Massen auf die Straßen gehen und endlich Antworten fordern, die ihnen die alten bisherigen Ideologien nicht geben können.

Ausgerechnet in Bogotá gibt es nun einen Gegentrend. Dort gewann mit Claudia López jüngst erstmals eine pragmatische Politikerin der Grünen den Bürgermeisterposten in der riesigen Millionenmetropole. Ermüdet von den ewigen gleichen Metaphern der linken und rechten verbalen Brandstifter, suchten sich die Kolumbianer eine Problemlöserin. Erfüllt sie diesen Anspruch, hat Duque bald eine mächtige Gegenspielerin. Eine neue politische Kraft, die den etablierten Ideologien Druck machen kann, wäre in der aktuellen Krisensituation nicht das Schlechteste. Die alten Herren von Links- und Rechtsaußen hätten dann erst mal Zeit für eine inhaltliche Erneuerung.

Zum Thema