Kommentar

Kreisende Geier

Archivartikel

Susanne Knaul sieht im geplanten US-Truppenabzug aus Syrien ein weiteres Risiko – neuen Streit um die Golanhöhen

Das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien gleicht einem Schlachtfeld, über dem die Geier kreisen. Jeder will das meiste für sich herausholen: Moskau seine Macht ausbauen, Teheran breite Militärpräsenz, Israel will die Iraner vertreiben und die Türkei die Kurden. Nur die Amerikaner wollen nichts als nach Hause. Wer sollte ihnen das verübeln? „America first“ ist US-Präsident Donald Trumps Devise, doch der Nahe Osten lässt ihn nicht so leicht los. Die Verbündeten zürnten dem starken Mann im Weißen Haus, der schließlich kapitulierte. Vorerst. Dass sich die Amerikaner aus der Region zurückziehen, scheint so gut wie abgemacht. Der Rest ist eine Frage der Zeit.

Ginge es nach Israel, würde man die in Syrien stationierten US-Truppen zumindest so lange als Joker auf der Hand behalten, bis die iranischen Revolutionsgarden abziehen, sollten sie das jemals tun. Die mit Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in keiner Weise abgesprochene Ankündigung Trumps vor drei Wochen, sich aus Syrien zu verabschieden, traf den Israeli unvorbereitet. Die wunderbare Freundschaft zwischen Washington und Jerusalem hat einen Knacks, und um den zu kitten, wünscht sich Netanjahu nicht mehr und nicht weniger als die Golanhöhen.

Im Sechstagekrieg erobert und später von Israel annektiert, sind die Golanhöhen ein idyllisches Fleckchen Erde, abgesehen von den Schüssen und Explosionen, die bisweilen von der anderen Seite der Grenze herüberhallen. Den Drusen, die etwa die Hälfte der Bewohner ausmachen und die bis heute mehrheitlich Syrer sind, geht es wirtschaftlich vergleichsweise gut, sie verdienen bei ihren jüdischen Nachbarn oder am Tourismus, trotzdem wünschen sie sich, eines Tages wieder zu Syrien zu gehören.

Genau das will Netanjahu verhindern, wenn er die USA und den Rest der Welt dazu auffordert, die Souveränität Israels auf dem Golan anzuerkennen. Wem die Golanhöhen gehören, sollte indes zuallererst bilateral und im Rahmen von Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien geklärt werden. Eine Anerkennung durch die USA könnte Unmut unter den sonst so friedlichen Drusen auslösen.

Trump hat schon einmal den Fehler gemacht, Verhandlungen vorzugreifen, als er Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte. Damals disqualifizierten sich die Vereinigten Staaten als neutrale Vermittler zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Wer Israel und Syrien eine echte Chance lassen will, jemals in Frieden nebeneinander zu existieren, der lässt die Finger vom Golan.