Kommentar

Krönung eines Unterschätzten

Archivartikel

Alexander Müller zum Bayern-Triple unter Hansi Flick

Der Nachmittag, als Filip Kostic, Djibril Sow, David Abraham, Martin Hinteregger und Gonçalo Paciência mit ihren Toren den großen FC Bayern demütigten, scheint aus einer anderen Zeitrechnung zu stammen. Dabei ist die denkwürdige Niederlage gar nicht so lange her: Am 2. November 2019 unterlag ein völlig konfuser Rekordmeister mit 1:5 bei Eintracht Frankfurt, einen Tag später war Trainer Niko Kovac seinen Job los.

Dieser Tiefpunkt markierte gleichzeitig den Startpunkt einer Erfolgsgeschichte, mit der niemand gerechnet hat. Nach Frankfurt war der Weg frei für einen Unterschätzten, der sich am Sonntagabend in Lissabon mit dem Champions-League-Sieg und dem historischen Triple als Bayern-Coach unsterblich gemacht hat: Hansi Flick. Der treue Hansi hat es allen gezeigt.

Kaum jemand traute dem Bammentaler die Chefrolle beim deutschen Branchenführer zu, genau wie Flicks Anteil am deutschen WM-Triumph 2014 als Assistent von Joachim Löw gern unterschlagen wird. Dabei war es der gebürtige Heidelberger, der in Brasilien den unverzichtbaren pragmatischen Gegenpol zum eher schöngeistig veranlagten Bundestrainer bildete.

Nach der unglücklichen Hoffenheimer Episode schien Flicks Karriere sogar schon vorbei – zumindest was die Jobs in der ersten Reihe angeht. Dietmar Hopp hatte ihn 2017 zum sympathischen Gesicht der TSG aufbauen wollen, aber Flick verirrte sich im dichten Geflecht der Eitelkeiten in der Hoffenheimer Führungsetage – nach nur sieben Monaten als Sportvorstand war im Kraichgau schon wieder Schluss.

Von wegen Job auf Zeit

Doch dann kam im vergangenen Herbst die Schmach von Frankfurt, und der bisherige Kovac-Assistent rückte zur Interimslösung bei den Bayern auf. Ein Job auf Zeit, bis einer der gehandelten großen Namen wie Amsterdams Erik ten Hag verfügbar sein würde. Dachte man. Bis die Münchner unter Flick auf einmal so großartig spielten, als habe es den rasanten Abwärtstrend unter Kovac nie gegeben. Die weichen, menschlichen Faktoren stimmten wieder, und fußballerisch waren die Münchner im Handumdrehen auf einem Top-Niveau, das man ihnen fast nicht mehr zugetraut hatte: ballfertige Dominanz, eine zielgerichtete Offensive, gnadenloses Pressing.

Manchmal schien es so, als könne der neue Trainer ein bisschen zaubern: Der zuvor aufs Abstellgleis gestellte Thomas Müller erlebte seinen zweiten Frühling, David Alaba wurde zu einem der besten Innenverteidiger Europas umfunktioniert, der unglaubliche Alphonso Davies explodierte links außen, und und und. Fast alles, was Flick anpackte, funktionierte auch.

Die Statistiken sprechen Bände: 33 Siege und ein Remis in 36 Pflichtspielen, acht Siege in seinen ersten acht Champions-League-Spielen, darunter das epochale 8:2 gegen den FC Barcelona im Halbfinale. Hansi Flick hat Geschichte geschrieben. Seit Sonntagabend bewegt er sich auf Augenhöhe mit den ganz Großen seiner Zunft. Und das hängt auch mit einem Gala-Auftritt von Eintracht Frankfurt im vergangenen Herbst zusammen.