Kommentar

Krönungsmesse

Archivartikel

Peter Reinhardt sieht Baden-Württembergs CDU-Spitzenkandidatin Eisenmann trotz des Rückenwinds am Anfang eines schwierigen Wegs

Alles andere als eine Krönungsmesse für Susanne Eisenmann wäre bei der Kür der Spitzenkandidatin eine Überraschung gewesen. So viel Machtbewusstsein hat die Südwest-CDU trotz der quälenden Selbstfindungsprozesse noch immer. Die gut 95 Prozent sind ein Vertrauensbeweis und ein Signal der Geschlossenheit. Eisenmann, eine Vertreterin der modernen großstädtischen CDU, hat seit ihrer Berufung zur Kultusministerin die Konservativen in der Landtagsfraktion durch politische Zugeständnisse auf ihre Seite gebracht. In ihrer Vorstellungsrede hat sie am Samstag die Delegierten noch einmal verbal umarmt und strittige Positionen ausgeklammert. Bei der Wahl fährt sie für diesen Kurs der Mitte die Ernte ein. Für Eisenmann bedeutet das Rückenwind auf der langen Strecke bis zur Landtagswahl im Frühjahr 2021. Landeschef Thomas Strobl hat auf sein Zugriffsrecht verzichtet und der CDU eine Zerreißprobe erspart.

Der Preis für den innerparteilichen Frieden ist allerdings hoch. Mehr als eineinhalb Jahr sind es noch bis zur Landtagswahl. Als Kultusministerin ist sie in die Kabinettsdisziplin eingebunden. Kritik am populären Grünen-Regierungschef Kretschmann ist da allenfalls in homöopathischen Dosen möglich. Die Bürger wollen keinen Wahlkampf, sondern die Lösung von Problemen. Aber die Spitzenkandidatin muss sich auch profilieren. Die erste Bewährungsprobe auf diesem schmalen Grat wird für Eisenmann die Aufstellung des Doppelhaushalts 2020/21. Sie hat mit ihrer Kür nur den internen Machtkampf gewonnen. Nun muss sie beweisen, dass sie die Wähler überzeugen kann.