Kommentar

Kühnerts Welt

Archivartikel

Stefan Vetter findet, dass die Kollektivierungsideen von Juso-Chef Kevin Kühnert zünden – allerdings geht der Schuss für die SPD nach hinten los

Die Debatte um Enteignungen treibt seltsame Blüten. Angesichts des angespannten Mietmarktes vor allem in Berlin wird bereits seit Monaten über eine Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen diskutiert. Wer das konsequent zu Ende denkt, dem muss klar sein, dass es die Anhänger solcher „Lösungen“ damit kaum bewenden lassen dürften. Prompt hat sich mit Juso-Chef Kevin Kühnert jemand gefunden, der noch viel weiter geht. Kühnert macht sich auch für eine Enteignung von privaten Vermietern stark, womit er sogar die Linkspartei noch links überholt. Und große Konzerne wie BMW sollen gleich mit kollektiviert werden.

Es ist gut möglich, dass sich der Juso-Chef davon einen Knaller im Europa-Wahlkampf verspricht. Der hat auch tatsächlich gezündet, denn die allgemeine Aufregung ist groß. Nur geht der Schuss für die SPD nach hinten los. Gerade über die Mitarbeiter großer deutscher Autohersteller ist bekannt, dass sie sehr gut verdienen und mit satten Prämien am Gewinn ihres Unternehmens beteiligt werden. Für die Einführung des Sozialismus à la Kevin Kühnert werden sich die Beschäftigten dort also herzlich bedanken.

Was den Angriff auf Wohnungseigentümer angeht, so sollte man wissen, dass nur etwa jede sechste Mietwohnung in den Großstädten privaten Wohnungsunternehmen gehört. Fast die Hälfte aller Mietwohnungen ist in der Hand von Kleinvermietern. Untersuchungen zufolge sind sie in aller Regel ein Garant dafür, dass die Mieten eben nicht bei jeder Gelegenheit steigen, weil man die Mieter persönlich kennt. Wer an dieser Praxis rütteln will, der stellt übrigens auch einen Teil der Altersvorsorge vieler dieser Vermieter infrage. Dass es relativ wenige Wohnungen im kommunalen Besitz gibt, bei denen die Mieten prinzipiell moderat sind, hat vor allem damit zu tun, dass sie von den Stadtvätern massenhaft an private Investoren verkauft wurden.

Die seit Jahr und Tag SPD-regierte Hauptstadt Berlin ist dafür ein Paradebeispiel. Kein Wunder also, dass die Partei den radikal-linken Geist möglichst schnell wieder in die Flasche zwingen will. Am 26. Mai finden zwei Wahlen statt, bei denen die SPD viel zu verlieren hat. In Europa und in ihrer Hochburg Bremen. Die Vorsitzende Andrea Nahles fiel gestern durch beredtes Schweigen auf, wohl um dem ungeliebten Thema nicht noch mehr Bedeutung zu verleihen. Vorwärts und schnell vergessen, lautet offenbar die Devise. Und das ist auch besser so.

Wahlen hat die SPD in der Nachkriegszeit in der Mitte gewonnen. Dafür stehen Kanzler wie Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt. Kevin Kühnert war übrigens gerade mal vier Monate alt, als im November 1989 die Mauer fiel. So konnte er nicht bewusst miterleben, was ein entprivatisiertes Wohnungswesen bedeutet, bei dem zwar die Mieten spottbillig, aber die Häuser dem Verfall preisgegeben waren. „Ruinen schaffen ohne Waffen“, hieß das im DDR-Volksmund. So etwas will niemand mehr haben.