Kommentar

Langer Weg ins Aus

Detlef Drewes über den Beginn der Brexit-Verhandlungen in Brüssel: Großbritannien hat kein eigenes Konzept, das ist auch für die EU nicht gut

Es ist natürlich erfreulich, wenn am Anfang eines Scheidungsverfahrens wenigstens noch ein paar verbindliche Worte gesagt werden. Am besten so etwas wie ,,Wir bleiben Freunde". Jeder ahnt, was davon zu halten ist: nichts. Großbritannien und die Europäische Union verhandeln seit gestern über nichts weniger als das Ende einer 44-jährigen Gemeinschaft - heraufbeschworen nicht aus vernünftigen politischen oder ökonomischen Gründen, sondern weil sich der damalige Premierminister David Cameron parteiintern verzockt hatte. Schließlich wollte er nicht die EU verlassen, sondern nur ein paar Widersacher aus den eigenen Reihen mundtot machen.

Doch nun ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der nur mit einer Trennung enden kann. Die Nettigkeiten werden schnell vergessen, wenn es ins Detail geht. Denn die bisherigen Freunde wollen zwar Partner bleiben, aber auf dem Weg dahin müssen sie Gegner werden. Die Vertreter des Vereinigten Königreiches ahnen längst, dass sie sich auf höchst unsicheres Eis begeben. Das Verlassen des Binnenmarktes, die Aufkündigung der Zollunion, der offenkundige Bruch zwischen Europa und den protektionistisch ausgerichteten Vereinigten Staaten - das alles isoliert London mehr, als man zunächst gehofft hatte.

Von dem frommen Wunsch, sich ein neues, lukratives Geflecht von Handelsbeziehungen ohne Zugangssperren zu schaffen, musste die amtierende Regierung Abschied nehmen. Kein Wunder, dass die britischen Vertreter in Brüssel praktisch mit leeren Händen dastanden. Es gibt nur ein paar Floskeln, dagegen aber kein eigenes Konzept.

Das ist nicht gut. Auch für die EU nicht. Anders als die Briten haben sich die Europäer aber inzwischen von dem Schock erholt und eine Vorstellung davon, wo sie hin wollen. Aber das wird nur möglich sein, wenn die 27er Gemeinschaft zusammenhält. Dies ist derzeit der Fall, weil der Brexit und der Rückzug der USA auf sich selbst den Druck von außen erhöhen. Ob es dabei bleibt, steht in den Sternen. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu ausgeprägt die Neigung, sich zu Hause gegen Brüssel in Stellung zu bringen.

Dabei wären die Einheit und Einigkeit das wichtigste Kapital, dass die Mitgliedstaaten ihrem Chefunterhändler als Kapital mitgeben könnten. Dennoch fühlt sich dieser Tag falsch an. Das liegt nicht nur daran, dass die EU "historische Tage" bislang stets dann beschwor, wenn es Fortschritte gab. Dieses Mal sieht alles nach einem Rückschritt aus. Denn die 27 verbleibenden Familienmitglieder scheinen entschlossen, aus dem Wegfall des britischen Bremsers etwas zu machen - von der Verteidigungsunion über den Finanzmarkt bis hin zu den sozialen Standards, die London bisher ohnehin ausnahmslos blockierte.

Auch das wird Theresa Mays Mann für den Brexit, David Davis, durch den Kopf gegangen sein, als er in Brüssel antrat: Wie will er den Menschen zu Hause erklären, dass sich die Union, der man nicht mehr angehört, demnächst schneller, tiefgreifender und prosperierender entwickelt? Seit gestern wird aus "Alle für einen" die bittere Umkehrung "Einer gegen alle".

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