Kommentar

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Manfred Loimeier zu den Lehren der Kolonialgeschichte: Das Beispiel Afrika ist Mahnung für ein gemeinsames Europa – ohne Nationalismen

Sich mit der Kolonialvergangenheit zu befassen, hat nicht nur mit der Geschichte Deutschlands zu tun, sondern vor allem auch mit seiner Gegenwart.

Der europäische Wettlauf um die Einflussbereiche in Afrika steht am Anfang der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jahrhundert, markiert mithin den Beginn der Staatsgeschichte Deutschlands. Auf dem Fundament dieses imperialen Anspruchs definierte sich die deutsche Nation – und das Ergebnis dieses Konkurrierens der europäischen Nationen um globale Macht ist grausam. Es hat nicht nur zu den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg geführt, sondern ebenso zu zahlreichen Stellvertreterkriegen in Afrika und Asien oder zu militärischen Interventionen in Lateinamerika und Nahost.

Die Antwort Europas auf diese Gemetzel war nach dem Zweiten Weltkrieg die Friedenspolitik eines zunächst nur gemeinsamen Marktes, war die Stärkung der Vereinten Nationen. Gerade das gemeinsame Europa hat auf der Grundlage dieser bitteren und brutalen Erfahrungen den Weg zu jahrzehntelangem Frieden und Wohlstand gefunden. Dass es einmal anders war, erscheint heute kaum mehr vorstellbar.

Wer heute alte Nationalismen wieder beschwört und dazu die verbindende Kraft Europas infrage stellt, muss wissen, welche Machtstrukturen er damit gleichermaßen wiederbelebt: diejenigen von Bevormundung und Unterdrückung, von Unterwerfung und einem letztlich gewaltsamen Gegeneinander.

Sich mit der deutschen Kolonialgeschichte zu beschäftigen, klärt also den Blick dafür, was die Menschen in Europa niemals wieder wollten und stattdessen ersehnten und verwirklichten.

„Das Alte zerfällt“ lautet sinnigerweise der Titel eines Klassikers der Literaturen aus Afrika, und das will sagen: Wer zu lange am Alten festhält, der verfällt mit diesem. Zukunft hat nur, wer nach vorn schaut. Und das versteht umso besser, wer sich mit der deutschen Vergangenheit, auch der deutschen Kolonialgeschichte, auseinandersetzt.