Kommentar

Lehren ziehen

Archivartikel

Werner Kolhoff mahnt, aus dem Scheitern der Weimarer Republik auch heute noch zu lernen.

Es gab nur zwei demokratische Republiken in Deutschland, die jetzige und die von Weimar. Die DDR hieß nur so. Dass von dem vor 100 Jahren gestarteten ersten Demokratieversuch im Wesentlichen nur der Negativbegriff von den „Weimarer Verhältnissen“ geblieben ist, ist gegenüber den Urvätern – und damals erstmals auch Urmüttern – ungerecht.

Die am 31. Juli 1919 beschlossene Verfassung würde die meisten Staaten der Welt auch heute noch regelrecht in die Moderne katapultieren. Andererseits ist der Blick auf die Gründe des Scheiterns dieses Experiments wichtig, um daraus zu lernen.

Zwar ist die Bundesrepublik des Grundgesetzes viel stabiler. Sie existiert schon jetzt 56 Jahre länger als Weimar. Auch sind ihre ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen nicht mit damals vergleichbar. Es gibt keine Dolchstoßlegenden und keine marodierenden Militärs. Insgesamt ist die Gesellschaft viel aufgeklärter und offener.

Der Schwund der Volksparteien gibt jedoch Anlass zur Sorge, ebenso wie die zunehmende Polarisierung der Debatten. Viele der Elemente, die sich in der Weimarer Republik am Ende zu einer giftigen Melange konzentrierten, gibt es auch heute noch oder wieder. Allen voran das mangelnde Bewusstsein der Demokraten über die Verletzlichkeit der Demokratie.

Was früher die Straßenschlacht war, ist heute der Twitter-Shit-storm. Oft geht elektronische Gewalt schon in reale Gewalt über, wie im Fall Walter Lübcke. Die etablierten demokratischen Parteien haben genau wie in der Endphase von Weimar auch jetzt viel zu häufig nur ihren kurzfristigen Vorteil im Blick. Und sehen nicht, wie zerbrechlich das Staatsgebilde ist. Die Unfähigkeit, sich auf eine Wahlrechtsreform zu einigen, ist dafür ein Beispiel. Der Streit zwischen CSU und CDU um die Flüchtlinge war ein anderes.

Wenn immer mehr Menschen schon in einer Zeit bester wirtschaftlicher Entwicklung eine rechtspopulistische Partei wählen, die nur einfache Antworten gibt und Hass sät, dann stellt sich die Frage, was passieren würde, falls wieder eine echte Wirtschaftskrise ausbrechen sollte, so wie 1930. Der Nationalismus ist europaweit zwar dem Gedanken der Kooperation gewichen, doch erlebt er derzeit in einigen Staaten eine Renaissance. Der Rassismus ebenfalls.

Brechts Satz „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ ist unvollständig: Der Schoß war und ist immer fruchtbar. Jederzeit können antidemokratische Tendenzen wieder hochkommen. Demokratien sind leicht angreifbar, weil sie offen sind. Von innen und von den Eliten, wie damals in Weimar. Dank des Internets nun aber auch von außen von fremden Mächten mit Lügenkampagnen und Wahlmanipulationen.

Die Weimarer Republik ist wie ein Geschichtsbuch der deutschen Demokratie, das einzige, das die Deutschen hierüber haben. Sie sollten auch heute noch darin lesen. Es könnte nützlich sein.

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