Kommentar

Letzte Chance des Premiers

Archivartikel

Detlef Drewes ist der Meinung, dass Johnson auf Zeit spielt

Vielleicht sind es nur die wenigen hartnäckigen Optimisten, die daran glauben wollen, dass man nicht mit leeren Händen kommt, wenn man zum Mittagessen eingeladen wurde. Aber Boris Johnson scheint auch diese Benimm-Regel zu ignorieren. 45 Tage vor dem Brexit-Datum Ende Oktober rollt auf die Europäische Union und das Vereinigte Königreich eine „kontinentale Katastrophe“ zu, wie es EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker noch einmal betonte. Beide Seiten wissen, dass nur ein Deal dies verhindern kann.

Dabei scheint die EU bereit, wirklich alles zu tun, damit der Austritt glimpflich verläuft. Das Europäische Parlament bräuchte natürlich noch Zeit, um einen kurzfristig geschlossenen Deal zu beraten und zu ratifizieren – aber jeder weiß, dass man sich davon nicht bremsen lassen würde, wenn es nur gelänge, die Katastrophe zu verhindern. Zumal nur eine Einigung der geeignete Boden wäre, auf dem dann anschließend die beiderseitigen Beziehungen ausgehandelt werden könnten.

Wie dies nach einem Austritt ohne Abkommen ablaufen soll, mag sich niemand ausmalen. Johnson spielt auf Zeit, um für sich den bestmöglichen Deal herauszuholen – das ist die gängige Meinung in Brüssel. Doch so spielt er mit der Zukunft seines Landes – und verspielt sie möglicherweise. Denn die Stimmung unter den 27 Staats- und Regierungschefs der EU kippt. Der Wille, dieses lähmende und ärgerliche Kapitel britischen Eigensinns endlich zu beenden, ist groß. Johnson sollte nicht glauben, die EU werde einem Deal um jeden Preis zustimmen.