Kommentar

Lieber betrügen statt begeistern

Walter Serif über die Autoindustrie und Elektromobilität

Elektroantriebe, Wasserstoffautos, autonomes Fahren – die deutsche Autoindustrie hat die technische Entwicklung fast schon verschlafen und sprüht nicht gerade vor Innovationsfreude, wenn es um das Auto der Zukunft geht. Kein Wunder, die Branche verdient ja Milliarden mit dem Verkauf der alten Verbrennungsmotoren. Dass diese der Umwelt schaden, interessiert sie nicht. Im Gegenteil, der Dieselskandal hat bewiesen, dass manche Ingenieure lieber ihr Gehirnschmalz für Betrugssoftware statt für neue Motoren einsetzen müssen. Bei so viel Bräsigkeit ist es kein Wunder, dass die deutschen Autofahrer beim Bewährten bleiben. Erst recht, weil Elektroautos sehr teuer sind. Die Batterie ist relativ schnell leer, wer gern auf der Autobahn heizt, kommt nicht weit. Und auch das Stromtanken ist eine umständliche Angelegenheit.

Die Bundesregierung, so hat es den Anschein, muss jetzt die schlaffe Automobilindustrie zum Jagen tragen. Doch der Preis ist heiß. Der Steuerzahler soll für die Hälfte der Kaufprämie geradestehen, und auch beim Ausbau der Stromtankstellen übernimmt der Staat die meisten Kosten.

Doch die entscheidende Frage, die sich dabei stellt, bleibt bisher unbeantwortet: Können die deutschen Autobauer überhaupt Elektroautos? Bisher sind nur wenige Modelle auf dem Markt, und es sieht gegenwärtig nicht so aus, als wären die Fahrzeuge so smart wie zum Beispiel das iPhone, das Apple noch heute zu obszön hohen Preisen verkaufen kann. Weil die Leute scharf darauf sind. Wie sollen sie sich aber für Elektroautos begeistern, wenn es den Managern an der notwendigen Begeisterung fehlt? Der Einzige, der Aufbruchstimmung verbreitet, ist VW-Chef Herbert Diess. Er setzt mit der Produktion des ID.3 alles auf eine Karte. Wenn es schiefgeht, ist nicht nur seine Karriere zu Ende. Aber es braucht eben auch Mut. Sonst sitzen am Ende die Beschäftigten auf der Straße.

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