Kommentar

Lügenstrategie

Thomas Spang warnt davor, die Erfolge der US-Demokraten bei den Gouverneurswahlen zu überbewerten – der Präsident hat eigene Methoden

Die Versuchung liegt nahe, die Erfolge der Demokraten bei den Gouverneurswahlen in der Trump-Hochburg Kentucky und den Parlamentswahlen im Südstaat Virginia zu überbewerten. Gewiss stärken die Siege die Moral der Demokraten. Und sie sind auch ein Denkzettel für den US-Präsidenten. Doch letztlich stand nicht Trump zur Wahl, sondern seine Parteifreunde.

Gewiss wird der Präsident anders um sein eigenes Überleben kämpfen. Und niemand sollte sein Talent unterschätzen, die Öffentlichkeit durch das endlose Wiederholen von Halbwahrheiten, Übertreibungen, Weglassungen und Lügen gezielt in die Irre zu führen. So zu tun als ob, obwohl die Fakten eine andere Sprache sprechen, ist der Kern dieser Strategie, die auch als „Gaslighting“, also psychische Verwirrung, bekannt ist.

Einen Vorgeschmack liefert der Präsident in seinem Umgang mit dem Amtsenthebungsverfahren. Sein Wahlkampfteam ließ T-Shirts mit dem Schriftzug „Read the Transcript“ drucken. Gemeint ist die Mitschrift von Trumps Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vom 25. Juli, das der Beschwerde des Whistleblowers zugrunde liegt. Nach jedem Standard ist das der „rauchende Colt“, der beweist, wie Trump eine ausländische Regierung bedrängte, ihm im Kampf gegen seine Opposition zu helfen.

Trump setzt darauf, dass seine Anhänger das Transkript nicht lesen und stattdessen seinen endlos wiederholten falschen Behauptungen glauben, er habe ein „perfektes Telefonat“ gehabt und es gebe keine Gegenleistung. Das Gegenteil ist richtig. Trump machte Militärhilfe für die Ukraine von Wahlkampfmunition gegen die Demokraten abhängig.

Weil er wegen Meineids nicht hinter Gittern landen möchte, korrigierte gerade EU-Botschafter Gordon Sondland seine Aussage bei den Vorermittlungen zum Amtsenthebungsverfahren. Wenn es Trump gelingt, den US-Amerikanern etwas anderes weiszumachen, dann kann er nicht das Amtsenthebungsverfahren überleben, sondern auch wiedergewählt werden.

In einem Land, in der die Bevölkerung teilweise ziemlich schlecht informiert ist und in dem nur jeder Zweite wählen geht, setzt sich nicht immer unbedingt automatisch die Wahrheit durch, sondern oft das, was die Bevölkerung für die Wahrheit hält.

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