Kommentar

Lust und Last

Marc Stevermüer zum Topspiel Bayern gegen Dortmund

Der immense Hype um dieses eine Spiel stieß in ungeahnte Dimensionen vor, das Duell zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund elektrisierte die Massen. Endlich mal wieder Spannung, die in der Fußball-Bundesliga so ziemlich jeder herbeisehnte, wenn er nicht gerade in Münchner Bettwäsche schläft.

Entsprechend war in Anlehnung an das legendäre spanische Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona vom deutschen Clásico die Rede, wahlweise auch vom Germanico. Die schlechte Nachricht nach dem Gipfeltreffen: Die Begegnung hielt nicht, was sie versprach, was keinesfalls an den Bayern, sondern ausschließlich an den Dortmundern lag. Es nahm an diesem Duell eben nur eine Spitzenmannschaft teil. Daraus resultierte ein Klassenunterschied mit einer Münchner Machtdemonstration. Oder anders ausgedrückt: Die Folgen von Lust und Last wirkten sich eklatant aus. Hier die Bayern, die diesen Sieg unbedingt wollten. Dort die Westfalen, denen die Angst vor dem Scheitern mit dem Anpfiff anzumerken war. Und trotzdem gibt es eine gute Nachricht nach diesem gleichermaßen spektakulären wie langweiligen Abend: Die Meisterschaft ist immer noch nicht entschieden.

Hochbegabte ohne Reife

Zugegebenermaßen fällt es allerdings extrem schwer, an eine erneute Wende im Titelrennen zu glauben. Denn es ist ja nicht gerade so, dass die Borussia seit Wochen komplett stabil auftritt und glanzvoll von Sieg zu Sieg eilt. Vielmehr zeigt der BVB jetzt in etwa das, was von ihm erwartet werden darf, nachdem er in der Hinrunde eben doch ein wenig über seinen Verhältnissen agierte. Noch dazu zeigte der vom Nervenflattern geprägte Auftritt in München, dass es dieser Ansammlung an jungen Hochbegabten eben doch ein wenig an Reife und auf einigen Positionen auch an Klasse fehlt.

Dies gilt – und das ist keinesfalls nur eine alleinige Erkenntnis des Samstagabends – allen voran für die Verteidigung, in der seit dem Weggang von Mats Hummels schlichtweg ein absoluter Hochkaräter fehlt. Ein Mann, der Ruhe und Sicherheit ausstrahlt, der seine Nebenleute besser macht. Trainer Jürgen Klopp hat es beim FC Liverpool gezeigt, was solch ein Spieler wie Virgil van Dijk bewirkt. Trotz des immensen Offensivpotenzials wurden die „Reds“ in der starken Premier League und in der Champions League erst ein Titelkandidat, als das niederländische Abwehr-Schlachtross kam.

BVB kann und sollte investieren

Na klar, ein Spieler dieser gehobenen Güteklasse ist teuer. Doch nach all den Einnahmen für Ousmane Dembélé, Pierre-Emerick Aubameyang und Christian Pulisic ist das Konto der Borussia prall gefüllt. Die Münchner haben bereits erkannt, dass sie investieren müssen. Nun sollte der BVB nachziehen. Das ist er zunächst einmal angesichts seiner fraglos außergewöhnlichen Aufbauarbeit ausschließlich sich selbst und keinesfalls Fußball-Deutschland schuldig. Aber fast jeder würde sich riesig freuen, wenn es auch in der nächsten Saison solch einen Hype um dieses eine Spiel gäbe.

 
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