Kommentar

Manöver zur Ablenkung

Archivartikel

Inna Hartwich über den Konflikt in Berg-Karabach

Letztlich ist es gar nicht wichtig, wer dieses Mal den ersten Schuss abgegeben hat. Entfacht haben die jüngste Auseinandersetzung um die Südkaukasus-Region Berg-Karabach Regierungen beider Staaten: Aserbaidschans und Armeniens. Baku und Eriwan instrumentalisieren den jahrhundertealten Konflikt um einen mythisch aufgeladenen gebirgigen Flecken Erde, um von ihren innenpolitischen Problemen abzulenken. Zumal in Zeiten von Corona, in denen sich der soziale Druck noch stärker entlädt als zuvor.

Der Status quo der „Republik“, die aus dem Erbe der Sowjetunion hervorgegangen ist, wird immer fragiler, der Streit entlädt sich auf eine immer schärfere Weise. Armenien weiß um den politischen Sprengstoff und hat sich bislang stets zurückgehalten, Berg-Karabach anzuerkennen. Aserbaidschan ist genervt, weil die diplomatischen Bemühungen um Frieden in Berg-Karabach auf der Stelle treten.

Ilham Alijew, der autokratische Dauerpräsident Aserbaidschans, kann sich ein solches Säbelrasseln leisten, da sein Land mittlerweile hochgerüstet ist. Das macht den Konflikt so gefährlich, weil er Akteure auf den Plan ruft, die auch in anderen Regionen um die Vorherrschaft kämpfen: Russland und die Türkei. Moskau sieht sich als Schutzmacht Armeniens, die jetzigen Gefechte bringen es in eine schwierige Lage. Zum einen ist das russisch-armenische Verhältnis seit der „Samtenen Revolution“ in Eriwan so ambivalent wie selten zuvor. Zum anderen macht es auch mit Aserbaidschan einträgliche Waffengeschäfte. Die Abhängigkeit beider Länder von Russland böte durchaus eine Basis für eine Vermittlerrolle Moskaus, hätte dieses in beiden Ländern nicht längst an Vertrauen eingebüßt. So geriert sich die Türkei als starker Unterstützer Aserbaidschans, das sich in diesem Konflikt ohnehin im Recht sieht.