Kommentar

Marodes System

Marco Pecht sieht im Trend zu Privatschulen eine Gefahr für die Gesellschaft und verlangt: Die Bildungslandschaft muss grundlegend umgepflügt werden

Um es in Schulnoten auszudrücken: mangelhaft. So lautet die Zensur für das staatliche Schulwesen in dieser Republik. Es klemmt und hakt an so vielen Stellen, dass einige Millionen Euro mehr an Förderung oder ein politisches Nachjustieren völlig vergeblich sein werden. Der anhaltende Trend zur Privatschule, für die sich immer mehr Familien entscheiden, ist nur eines der aktuellen Alarmsignale.

Viele staatliche Schulgebäude in Deutschland sind marode und schlecht ausgestattet. Ebenso desolat sind die personelle Situation und häufig auch die Qualität des Unterrichts selbst. Die universitäre Ausbildung etwa von Gymnasiallehrern hat mit den Anforderungen in einer Schulklasse kaum etwas zu tun. Der studierte Mathematiker kann allzu oft die wildesten Kurven diskutieren, scheitert aber daran, einem Sechstklässler den Dreisatz zu erklären. Studierte Philosophen werden gelegentlich erst als Junglehrer mit dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant aus dem Lehrbuch ihres Ethikkurses in der Mittelstufe konfrontiert.

Das mögen zugespitzte Einzelfälle sein – dennoch: Lehrer sind meist nicht hinreichend auf das komplexe Leben von Jugendlichen in der immer komplexer werdenden Gesellschaft vorbereitet. Die Schulinfrastruktur ist es – man denke nur an das Schlagwort Digitalisierung – noch viel weniger.

Niemand kann es Eltern, die es sich leisten können und wollen, also übelnehmen, dass sie ihr Kind auf eine Privatschule schicken. Oft werden dort pädagogische Konzepte angewendet, die intensiv auf individuelle Stärken und Schwächen der Kinder und Jugendlichen eingehen – ein Aspekt, der in staatlichen Einrichtungen wegen des Mangels auf allen Ebenen oft herunterfällt.

Hinzu kommt, dass viele Privatschulen teilweise wirtschaftlichen Kriterien unterliegen und damit besonders im Umgang mit den Eltern den Dienstleistungsgedanken pflegen. Konkret heißt das: Weniger Unterricht fällt aus, Erziehungsberechtigte fühlen sich ernst genommen und müssen nicht um einen Termin beim Klassenlehrer kämpfen. Letztlich können schlechte Leistungen der Schüler in privaten Einrichtungen gemeinsam mit denjenigen bearbeitet werden, die anteilig dafür verantwortlich sind: den Lehrern. Für die Gesellschaft und das soziale System wird die kaputte Bildungslandschaft immer mehr zu einem großen Problem. Gut situierte Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen, für sozial schwächere Familien bleibt der Gang in eine öffentliche Schule, die wie ein Brennglas für Konflikte wirkt.

Statt über acht oder neun Jahre bis hin zum Abitur oder über Englischunterricht in der Grundschule zu diskutieren, haben die Akteure des Bildungssystems eigentlich eine ganz andere Aufgabe: die Note mangelhaft auf ihrem Zeugnis wegzubekommen. Das wird nur gelingen, wenn das System öffentliche Schule neu gedacht und auf allen Ebenen komplett reformiert wird – bei den pädagogischen Konzepten ebenso wie in der Lehrerausbildung und der Schulausstattung. Der Trend zur Privatschule sollte den Ehrgeiz der Bildungspolitiker wecken.

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